| Spinnereien oder: Tschüs, olle Kolumnenüberzeugung! | |
Irgendein berühmter Wissenschaftsmensch sagte einst, er halte sich geistig flexibel, indem er jeden Tag eine seiner Überzeugungen über Bord werfe. Nun, wenn Leute, die vor lauter Nobelpreisen nicht mehr in ihr Klo reinkommen, solche Sachen sagen, wer bin ich dann, ihnen zu widersprechen? Eben! Also mache ich es jetzt einfach mal genau so. Heute zum Beispiel werfe ich meine Überzeugung über Bord, daß man nur sinnvolle und lustige Kolumnen schreiben darf, vorzugsweise über Sachen, von denen man irgendeine Ahnung hat. Überzeugung gepackt, ab damit...Platsch! Da schwimmt sie und streckt die Zähnchen in die Luft. Tschüß, liebgewonnene alte Nur-sinnvolle-und-lustige-Kolumnen-ohne-selbstferne-Thematik-Überzeugung! (Hier bitte ein sentimentales Winken vorstellen!). Und jetzt - schreib ich mal was über Spinnen. Jawoll! Spinnen! Einfach so! Warum auch nicht? Drängt sich außerdem förmlich auf, weil ich nämlich soeben beim Absaugen meines Bücherregals ein totes Exemplar hinter der Propylän Weltgeschichte gefunden habe. Also: Es gibt ziemlich viele Spinnen. Ungefähr 8 Mio. pro Quadratmeter Mutterboden (in Wohngebieten etwas mehr, wegen der dort herrschenden Demoskopie). Australische Wissenschaftler haben gar herausgefunden, das ca. ein Drittel des Erdgewichts durch Spinnen hervorgerufen wird. Uff! Könnte man ruhig mal dran denken, wenn man das nächste Mal im Waschkeller auf eine drauflatscht. "Ojemine! Jetzt ist die Erde schon wieder ein bisserl leichter!" oder so ähnlich könnte man denken. Entgegen landläufiger Meinung sind Spinnen übrigens keine Einzelgänger - bei einer solchen Bevölkerungsdichte bleibt ihnen auch gar nix anderes übrig. Spinnen sind in Wahrheit sehr gesellig, leben in Rudeln von bis zu 500 Tieren, deren Kommunikation über Telepathie abgewickelt wird, wissen gutes Essen zu schätzen (vor allem Pasta und norwegische Spezialitäten) und mögen Heavy-Metal-Musik. Alle Spinnen haben einen dichten, wuscheligen Pelz (Ausnahmen: Das westbengalische Kurzhaar und die belgische Nacktspinne), welcher von Kennern geschätzt wird, allerdings regelmäßig gebürstet und entlaust werden muß. Für die Spinnen selbst ist das etwas problematisch, da ihr Pelz nach innen wächst, da wo eigentlich die Knochen hin gehören. Experten vermuten dahinter eine früh in der Entwicklungsgeschichte angesiedelte Anpassung, mit der sich die knuddeligen kleinen Biester vor Pelzjägern zu schützen versuchten. Der Erfolg blieb allerdings eher mäßig: Noch heute sterben täglich mehr Spinnen als in Griechenland pro Jahr Pommes Frittes verzehrt werden. Und die Tendenz ist deutlich steigend. Immer wieder werden in manchen Ländern Tausende Spinnen von skrupellosen Geschäftemachern an den Strand geschleift und mit Eisenstangen verprügelt. Den Pelz läßt man liegen, da er meistens mit Blut besudelt und dadurch unbrauchbar wird, lediglich das Geweih der Spinne wird anschließend unter der Ladentheke an Trophäenjäger verramscht. Und wer meint, Spinnen hätten doch gar kein Geweih, der weiß jetzt warum. Der Grund, warum sich bis jetzt noch keine internationale Bewegung zusammengefunden hat, um diesem schändlichen Treiben ein Ende zu bereiten, liegt wohl darin begründet, daß Spinnen nicht ganz die gleiche Popularität genießen wie etwa Robbenbabies. In den letzten Jahren haben zwar Arachnoiden-Aktivisten immer wieder versucht, das Image der Spinne ein wenig aufzuwerten mit endlosem Gefasel über die Ästhetik von Spinnennetzen und daß unser Abscheu vor ihnen anerzogen sei usw. blablabla, ein verzweifelter Versuch, den Sympathiewert von Spinnen in die Region von Hamstern und Yorkshire-Terriern zu katapultieren und den Leuten weiszumachen, Spinnen hätten eben ihre "ganz eigene Schönheit", aber natürlich waren diese Bemühungen völlig fruchtlos. Die Leute wissen ganz genau, was ihnen gefällt, und Spinnen gehören ganz entschieden nicht dazu, und dafür gibt es auch einen wirklich einfachen Grund: Spinnen sehen einfach scheiße aus. Hauptsächlich deshalb, weil sie irgendwie von allem ein bißchen zu viel haben. Ich meine - wer braucht schon ernsthaft acht(!) Beine? Hunde z.B. haben derer nur vier, kommen bestens zurecht und jeder mag sie. Insekten haben bereits sechs Beine, und deren Platz auf der Beliebtheitsskala liegt deutlich niedriger. Aber die Spinnen haben es einfach übertrieben: acht Stück! Das ist nun wirklich zuviel. Ebenso die Augen. Auch hier macht sich die Spinne durch den verschwenderischen Umgang mit anatomischen Accessoires einiges kaputt. Hinzu kommen so unappetitliche Details wie Spinnwarzen und Haare auf den Beinen, was ja schon bei den meisten Menschen nicht toll aussieht. Die Spinnen könnten evtl. einiges gut machen, wenn sie sich zumindest in den Haushalten, in welchen sie sich ungefragt einnisten, ein wenig nützlich machten, indem sie z.B. die alles in allem noch wesentlich überflüssigeren Fliegen, die mich ständig beim Kolumnieren stören, fangen und verputzen. Damit wäre jedem gedient. Tun sie aber nicht. Statt dessen hocken sie sich völlig unmotiviert hinter selten gelesene Bücher, um dort elend zu verhungern. Ja, wenn sie vielleicht wie Meerschweinchen oder so aussähen, dann könnte vielleicht sogar ich mich dazu hinreißen lassen, mein Bücherregal künftig etwas seltener und vorsichtiger abzusaugen, um die possierlichen Tierchen nicht zu stören, aber so... Nutzlos und häßlich - sorry, liebe Spinnen, aber so wird das nix. Wer bis hierhin gelesen hat, der wird sich wahrscheinlich erzürnen ob der Tatsache, daß ich es wohl an der einen oder anderen Stelle mit den Fakten nicht so genau genommen habe. "Pelz, der nach innen wächst! Ojemine! Und Heavy-Metal-Musik! Also wirklich..." So oder so ähnlich könnten sie reden. "Dabei könnte man durchaus ein bißchen mehr Exaktheit verlangen von einem Menschen, der sogar seine Bücherregale absaugt." Ich werde nun keineswegs entgegnen, die Welt sei durchaus ein besserer Ort, wenn es nur mehr Menschen gäbe, die ihre Bücherregale absaugen. Allerdings wäre sie vielleicht ein besser Ort, wenn es mehr Menschen gäbe, die überhaupt Bücherregale besitzen. Das reicht jetzt. Nächstes Mal schreibe ich dann was über Maulwürfe, die trotz ihrer eher geringen Anzahl von Beinen und einem Pelz, der nach draußen wächst, eher weiter unten in der animalischen Hitparade angesiedelt sind. | |