| Wäre ich ein ägyptischer König, hätte ich auch gerne eine Hamster-Erlebnis-Website auf meinem Grabstein. | |
Ich glaube, ich erwähnte schon, daß es Dinge gibt, die irgendwie spooky sind. Unter anderem die Tatsache, daß mindestens vier tote ägyptische Könige in meiner Eckbank spuken. Das ist echt total spooky. Um so mehr, als ich überhaupt keine Eckbank besitze. Sowas gibt durchaus Anlaß zur Sorge. Wie überhaupt eine Menge Dinge Anlaß zur Sorge geben. Selbst der sonst eher positiv angehauchte Sat.1-Videotext ist sich der vielen Besorgnis erregenden Vorgänge auf diesem Planeten bewußt und berichtet deshalb an prominenter Stelle: "Uma Thurman gibt Anlaß zur Sorge!" Sofort habe ich roten Alarm auf allen Decks: Was ist geschehen!? Plant sie eine Karriere als Floristin? Weiß sie neue Schändlichkeiten aus dem Mittleren Osten zu berichten? Oder wurde sie gar mit zwielichtigen Gestalten beim Verlassen einer Esoterik-Buchhandlung beobachtet? Dies und anderes Unaussprechliches ersinnt mein Geist während der üblichen Videotext-Wartezeit, und die kurz darauf erscheinende Wahrheit ist denn auch grausig: Uma Thurman leidet offenbar unter Eßstörungen, was gar nicht schön ist. "Aber die ist doch auch bloß so'n doofer stinkreicher Promi und wohnt auch ganz weit weg! Was geht uns das an?" wird jetzt womöglich so manch einer tönen. Doch solcherart möchte ich nicht tönen hören! Auch begüterte Schauspielerinnen in den USA sind schließlich Menschen, die Welt außerdem ein globales Dorf, die liebe Uma deshalb quasi meine Nachbarin und sollte daher meinem Herzen nicht ferner sein als eine mittellose heimische Synchronsprecherin. Ich lese also, daß meine globale Nachbarin Uma Thurman unter Eßstörungen leidet und sorge mich pflichtgemäß. "Das arme Ding", sorge ich mich, "was mag wohl so elendig in ihrem Leben schieflaufen, daß sie plötzlich die Nahrungsaufnahme verweigert? Wird sie gar frühzeitig wegsterben, wie so viele andere ihrer Generation zuvor? Und auf ihrem Grabstein wird stehen: 'Sie war doch noch so jung!'"? Sehr wahrscheinlich nicht. Auf Grabsteinen steht nämlich allgemein nur wenig Lesenswertes. Trotz all der mehr oder weniger humorigen Versprechungen, was im Ablebensfalle alles auf Grabsteinen zu lesen sein würde, offenbart ein Besuch auf einem beliebigen Friedhof, daß die kreative Nutzung der Grabsteinoberfläche ein durchgängig prämortales Phänomen darstellt. Überall nur langweilige Einwohnermeldeamtsdaten und die eine oder andere Bibelweisheit. Von der zu Lebzeiten angekündigten Spruchkunst in Form von "Ist das hier etwa die Biegung der Theke?" oder "Die Fotosammlung von Bitterfelder Industrieanlagen war mein größter Stolz!" hingegen keine Spur. Dabei ist Stein ein nicht zu unterschätzender Informationsträger. Das wußten schon die ägyptischen Könige, die damals eine komplette Kultur damit beschäftigt hielten, ihre klugen Gedanken und unschönen Familientragödien in die Gebeine des Niltals meißeln zu lassen, wo man sie dank des umsichtig gewählten Mediums auch heute noch nachlesen kann, was im Hinblick auf das globale Dorf auch ruhig jeder einmal tun sollte, es kann schließlich nie schaden, ein bißchen was über seine Nachbarn zu wissen, auch die Sachen, die nicht im Videotext veröffentlicht werden. Videotext ist übrigens eine wahrhaft praktische Erfindung. Da kann man sich ganz unkompliziert neben dem Spielfilmgenuß so richtig durchinformieren, ohne, wie beim Internet, einen Computer bemühen zu müssen, was viele ja nur mit Abscheu und unter unflätigem Daherreden tun, und deshalb lieber den Videotext zu Rate ziehen, was meines Erachtens nach keinesfalls eine Benachteiligung darstellt. In der Tat ist der einzige nennenswerte Unterschied, den ich bislang zwischen Videotext und weltweitem Netzwerk feststellen konnte, der, daß ich im Videotext noch keine Seite entdeckt habe, auf der jemand Fotos von seiner Busreise in den Harz zeigt oder über die gestrigen Erlebnisse seines Hamsters berichtet, wohl deshalb, weil der Videotext, ähnlich wie ägyptisches Felsgestein, nicht demokratisiert ist. Aber zum Glück gibt es ja auch Internet mit Computer und Demokratie, so daß heute ein jeder auch ohne eigenen Fernsehsender oder Felsgestein nebst nubischem Sklavenheer vor der Haustür seine Hamstererlebnisse für die Nachwelt festhalten kann, was rundherum ein gute Sache ist. Vom gesellschaftlichen Standpunkt aus bleibt nämlich festzustellen: Hamster-Erlebnis-Websites sind wichtig! Genauso wie Busreisenfotos vom Harz, die Familientragödien ägyptischer Könige, die Eßstörungen von Uma Thurman und das Wissen, daß ich keine Eckbank besitze. Das ist nicht nur anonyme Information sondern soziologisch relevanter und menschlich zusammenschweißender Treppenhausklatsch in der weltweiten Wohngemeinschaft! Die Welt ist ein globales Dorf! Leset und erinnert Euch! Vorstehende Erkenntnis wüßte ich nur zu gerne in meinen Grabstein gemeißelt, aber natürlich wird das nix, denn wie schon erwähnt ist spätestens seit Erfindung der CD-ROM der Grabstein als Speichermedium absolut out. "Zu Recht", werden jetzt einige einwerfen, "ist doch eine CD wesentlich einfacher zu handhaben, und zudem wäre es mehr als mühselig, das wöchentliche Update meiner Hamster-Erlebnis-Website auf einem Grabstein anzufertigen!" Womit sie natürlich absolut Recht haben. Ich denke, ich werde auf einen Grabstein am besten ganz verzichten, und mir für das Geld eine Eckbank kaufen, auf daß tote ägyptische Könige beliebiger Anzahl darin spuken können. Ruhelos ist ihr Geist wohl allemal, sehr wahrscheinlich, weil es ihnen aufgrund der Kurzlebigkeit des Menschen als solchem und der Hartnäckigkeit des Nilgesteins nicht gelungen ist, auch die Erlebnisse ihrer Hamster und Lieblingskrokodile lückenlos für die Nachwelt zu verewigen, und sowas kann und darf gottähnliche Aristokraten auch über das Grab hinaus noch verärgern. | |