| PIN-PAD-Zurückschnapplassversuchung in der französischen Zwischenwelt | |
Ich bin auf diesen Titel ziemlich stolz. Er könnte auch von einem Dalí-Gemälde stammen. Salvador Dalí war Andalusier, hat in tote Fledermäuse gebissen und seinen Bildern Titel verliehen wie "Die ekstatische Melancholie der kleinen Hunde, senil wie eine tolle Skiabfahrt" oder "Die Entwöhnung von der Möbelernährung". Und genau so sehen seine Bilder auch aus. Künstler eben. Viele Leute haben für solche Marotten ja überhaupt kein Verständnis. Die stellen sich auch im Supermarkt in Sichtweite der Kasse hin und vergleichen akribisch den Kassenbon mit dem Einkaufswageninhalt, um sich naßforsch zu beschweren, falls der tiefgefrorene Schnittlauch einsneunundsiebzig statt einsneunundsechzig kostet. Ich mache das natürlich auch, das Eben-schnell-Nachgucken und Vergleichen und so, und selbstverständlich bäte auch ich höflichst um Korrektur, sollte das Glas Nutella plötzlich dreihundert Mark kosten. Was mich von diesen anderen Leuten unterscheidet, ist das naßforsche Beschweren. Natürlich ist es ärgerlich, wenn der Schnittlauch zehn Pfennig teurer ist als erwartet, doch das ist in meinen Augen noch lange kein Grund, auf die arme Kassiererin einzustürmen wie Blücher, der über den Rhein will, bloß weil die Leute auf der anderen Seite zufällig Franzosen sind. Das mit den Franzosen stimmt übrigens wirklich. Ich werde nämlich in letzter Zeit Zeuge einer schleichenden und unaufhaltsamen Invasion französischer Supermärkte. Das ist schon ganz schön spooky: Famka, Edeka, Euro-Spar, sie alle werden vom Antlitz der Erde getilgt, um heimlich, still und leise durch eine weitere Filiale von Intermarché ersetzt zu werden. Alleine in meiner näheren Umgebung gibt es inzwischen zwei, wo früher mal was anderes war. Die Angestellten dort sind allerdings nur in den seltensten Fällen Franzosen, sondern in der Regel ziemlich schnippisch. Ich erwarte ja keine Fotomodels, die Rosen auf mich regnen lassen, wenn ich ein Stangenbrot kaufe, doch ist es ja wohl kaum zuviel verlangt, daß die Computerkassenbedienungsexpertin mich wenigstens eines einzigen wohlfeilen Blickes würdigt, bevor sie meine EC-Karte durchzieht, was wiederum saupraktisch ist. Electronic Cash ist für Menschen wie mich, die mit Geldautomaten und Münzen zählen auf Kriegsfuß stehen, eine wahrlich segensreiche Erfindung, wenn auch mit gewissen Tücken. Das Tückische daran ist die mobile Tastatur zur Eingabe der Geheimnummer, im Folgenden PIN-Pad genannt. Entgegen regulären PIN-Pads, die ja eher klobig daherkommen und dank ihres Eigengewichtes robust dort auf dem Laufband stehen bleiben, wo man sie hinknallt, sind PIN-Pads beim Intermarché winzige, gewichtslose Filigran-Instrumente, die man zudem beim Eintippen gut festhalten muß, weil sie nämlich an einem Spiralkabel hängen, wie man es auch vom Telefonhörer kennt. Nun sind Telefonhörerspiralkabel normalerweise ja eher schlappe Gesellen und kaum in der Lage, nennenswerte Rückzugkräfte zu entwickeln. Anders hingegen die Intermarché-Spiralkabel. Die sind frisch und stramm und knackig wie französische Supermodels, so als machten sie täglich Aerobic. Und während ich, gegen diese unverbraucht-athletische Rückzugkraft ankämpfend, das Gerät mit beiden Händen fixiere und mich der vier simplen Ziffern zu erinnern versuche, die mich vom elenden Verhungern trennen, schießen plötzlich höchst morbide Gedanken durch meinen Kopf. Ich habe mal als Kind meinem Zahnarzt in den Finger gebissen, nur um zu sehen, wie das ist, und etwas Ähnliches überkommt mich auch beim PIN-Pad-Festhalten: Eine Neugier zu sehen, was passiert, wenn ich das PIN-Pad mit vorgetäuschter Schusseligkeit loslasse. Zu sehen, wie es zurückschnappt, dank des Mißverhältnisses zwischen geballter Spiralpower und minimalstem PIN-Pad-Gewicht auf Schallgeschwindigkeit beschleunigt, den Bildschirm der Computerkasse zerschmettert und sich durch Müslipackungen und Marmeladengläser hindurch einen Weg bis zur Gemüseauslage bahnt, dabei gar diverse schnippische Kassiererinnen am Kopf trifft und blutüberströmt zusammensinken läßt... Ja, solche Gedanken habe ich, nach Ziffern suchend. Seltsam, ich weiß, aber ich kann nicht dagegen an. Es ist eine Versuchung. Eine kranke kleine PIN-Pad-Zurückschnapplaßversuchung, wie sie auch Dalí hätte malen und adäquat betiteln können. Natürlich gebe ich ihr nicht nach. Auch und gerade als Deutscher sollte man die Franzosen nicht unbedingt noch mehr verärgern. Intermarché heißt übrigens korrekt übersetzt soviel wie "Zwischenmarkt". Spekulationen kommen einem da in den Sinn, über geheimnisvolle Zwischenwelten und die esoterischen Implikationen der paranoisch-kritischen Methode, über einen Supermarkt wie ein Dalí-Gemälde, eine Twilight-Zone im Gemischtwarenland. Eine genaue Beobachtung ergab allerdings, daß das "Zwischen" in erster Linie bauartlicher Natur ist. Der eine Zwischenmarkt in meiner Umgebung ist nahtlos eingepfercht zwischen einem Baumarkt und einem Dänischen Bettenlager, der andere zwischen einer Adler-Filiale und einem Medi-Max. Es gehört offenbar zur zwischenmarktlichen Firmenphilosophie, sich irgendwo zwischen zu drängeln, wo man im Falle des Untergangs eine deutlich sichtbare Marktlücke hinterlassen kann. Und eine solche hat sich Intermarché bereits eindeutig erkämpft, nämlich die des gallischen Erlebniseinkaufs. Auf höchst subtile Weise erschließt sich dem germanischen Konsumenten die gesamte Nonchalance französischer Lebensart in Form von Milchtüten mit dem Datum von gestern und dem einen oder anderen großzügigen Faux Pás im Warenangebot. Teil des eventorientierten Konzepts ist u.a. die vergebliche Suche nach regalausgezeichnetem Himbeergelee nebst Schnitzeljagd nach einem hilfreichen Angestellten, welcher allerdings gerade Brot backt und erst nach einem Vorgesetzten suchen muß, der eine Ahnung haben könnte, wo das ganze Zeug hingekommen ist, das eigentlich in die Regale gehört. Und ich werde auch fürderhin daran teilhaben müssen, denn alle Supermärkte, die ich ohne Beauftragung eines Reisebüros bequem erreichen kann, sind inzwischen ausnahmslos Intermarchés. Spooky. Übrigens auch schlimm: Leute, die im Kreisverkehr rechts blinken und dann doch noch weiter durchfahren. | |