Dürfen Dachse Schlafzimmer bauen?

Wenn ich was nicht leiden kann, dann Leute, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit Sachen wie "konsumreaktionär" oder "Kulturtechnik" sagen oder schreiben, ohne sich ob solcherlei Geschwafels weiterführend zu erklären. Und weil ich mich gerne selbst leiden können möchte, sei an dieser Stelle erklärt, was eine Kulturtechnik ist: Kulturtechniken sind Sachen, die man als Homo Sapiens können muß, wenn man Kultur haben will. Das Entfachen von Feuer gehört z.B. dazu. Oder das Bauen von Schlafzimmern zwecks Verbergens des Kopulationsvorganges vor einer staunenden Öffentlichkeit. Digitales Gehen. Naßabspielen. Solche Sachen eben. Man könnte auch sagen: Kulturtechniken sind Sachen, die andere Säugetiere aus dem einen oder anderen Grund nicht so gut drauf haben.
Bekanntlich spielen sich ja tagtäglich Szenen der folgenden Art ab: Ein beliebiges Tier, sagen wir ein Dachs, ist der ständigen Überheblichkeit der Menschen überdrüssig, klingelt bei einem Vertreter unserer Spezies an der Wohnungstür, und wenn der arglose Mensch die Türe öffnet, gibt es keine Pizza oder Pakete, sondern eine Standpauke: "Was bildest Du zusammen mit Deinesgleichen dir eigentlich ein?" wird der Dachs sich ereifern. "Sieh doch mal genau an dir selbst hinab und hinauf und erkenne, daß auch du nur ein Säugetier bist, voller Hormone und Triebe und Sterblichkeit. In Wahrheit gibt es nichts, was dich von uns unterscheidet!" Der so angeschnauzte Mensch muß nun nicht verlegen stammelnd die altbekannten Hinweise auf die eher sekundären Unterschiede zwischen Mensch und Dachs heranziehen und sich solcherart blamieren, sondern kann auch ohne Zögern etwa folgende Replik absondern: "Empöre dich nicht, Dachs! Es gibt nämlich sehr wohl einen Unterschied zwischen uns, denn ich und meinesgleichen sind im Besitz von Kulturtechniken. Wir können Feuer entfachen und Schlafzimmer bauen und Naßabspielen und anderlei dergestaltige Dinge. Wenn ihr Dachse und Amöben und Blindschleichen und übriges Gekrauche auch nur eine dieser Kulturtechniken beherrscht, mögt ihr gerne wiederkommen und zufrieden hören, wie ich sogleich eurer Entrüstung beipflichte."
Ich sehe gerade, daß ich beim Abfassen des letzten Absatzes einen unverzeihlichen Fehler begangen habe: Dachse können nämlich gar nicht sprechen! Darunter leidet natürlich die Glaubwürdigkeit, aber im Moment fällt mir nichts Besseres ein, also gehen wir einfach mal davon aus, Dachse könnten sprechen, auch wenn das die Szene irgendwie logisch kaputt macht, wie ich erschrocken feststellen muß.
Sprechen ist nämlich auch eine Kulturtechnik. Könnten Dachse sprechen, könnten sie wahrscheinlich auch Schlafzimmer bauen und naßabspielen. Oder SMS rumschicken, was eine noch relativ neue Kulturtechnik ist. Selbstverständlich wird diese mittels eines Mobiltelefons durchgeführte Tätigkeit nur in Kolumnen wie dieser als "Versenden von Kurznachrichten" bezeichnet. Bei den mobiltelefonierenden Kulturtechnik-Usern heißt sie schlicht "SiMSen" und ist als Verrichtung an sich so dermaßen simpel, daß selbst allergrößte Idioten damit zurechtkommen.
Es gibt allerdings nichts, das so idiotisch wäre, daß man es nicht dem einen oder anderen Idioten noch erklären müßte. In diesem Zusammenhang sei Ludger Jochmann erwähnt. Der ist von Beruf Handy-Trend-Experte, hauptsächlich, weil er eines Tages irgendwo rumsitzend plötzlich eine Erleuchtung hatte: "Moment mal!" ward er erleuchtet. "Man kann hinsichtlich Kulturtechniken eigentlich gar nicht sorgfältig genug sein! Ich sollte daher schleunigst ein Buch schreiben, anhand dessen sich auch der letzte Idiot die neue Kulturtechnik des Versendens von Kurznachrichten erarbeiten kann und so meinen Ruf als Handy-Trend-Experte begründen!"
Gesagt, getan. Das Buch ist inzwischen fertig und erhältlich und trägt den Titel: "SMS - Sprüche, Tipps und Tricks". Daß es existiert und sehr wahrscheinlich auch gekauft wird, beweist im Grunde nur zweierlei: Zum einen, daß offenbar die heutigen Idioten noch eine ganze Ecke dümmer sind als die von früher, aber das ist ja bei allem anderen genauso. Und zum anderen, daß es Menschen gibt, die von Beruf Handy-Trend-Experte sind, was ungemein beruhigend ist. Eine Kultur, die sich solcherlei nutzlose Leute leisten kann, ohne vor die Hunde zu gehen, hat ohne Zweifel einen kulturtechnischen Vorsprung inne, den die Dachse, Amöben und Blindschleichen nur schwerlich werden aufholen können.
Derart gerüstet kann ich nun auch endlich eine neue Version der Dachs-an-der-Wohnungstür-Geschichte verfassen. Ich mache also einen Rewrite, was ein Fachterminus ist, und gestalte die Szene folgendermaßen um: Ein rundherum wesentlich glaubwürdigerer Dachs begibt sich also vor eine Wohnungstür, klingelt nicht, sondern macht durch Kratzen an der Tür und Ausstoßen dachstypischer Laute auf sich aufmerksam, und als die Tür geöffnet wird, spricht er auch nicht, sondern bedenkt den Türöffnenden lediglich stellvertretend für all seine mit Herablassung gestraften Tierkumpanen mit einem anklagenden Blick. Der Mensch hingegen kann nun auch auf philosophische Ausführlichkeit in seiner Replik verzichten, statt dessen einfach das Buch von Ludger Jochmann hervorholen und dem Dachs selbstzufrieden vor die Nase halten. "Jedes Wort erübrigt sich", kann er triumphierend sagen, "denn siehe: Unser unendlich großes Rudel verfügt sogar über einen eigenen wohlgenährten Handy-Trend-Experten. Komm wieder, wenn ihr auch einen habt!"
Die sich aus dem obigen Dialog ergebende Mutmaßung, ich wäre genauestens über den Ernährungszustand von Deutschlands Handy-Trend-Experten informiert, ist natürlich nur eine solche. Es ist allerdings davon auszugehen, daß jemand, der sich zum Handy-Trend-Experten aufschwingen kann, bereits sämtliche grundlegenderen Probleme im Überlebenskampf hinreichend gemeistert hat. Wahrscheinlich wird er sogar von einem Food-Trend-Experten beraten.