| Auch Verona Feldbusch kann im Kopf Primzahlen multiplizieren, ohne dabei auf die Fresse zu fallen. | |
Ein uralter Streit spaltete zwar nicht die antiken Philosophen, spaltet wohl jedoch moderne Musikkonsumenten in zwei unversöhnliche Lager: Jener zwischen den Befürwortern digitaler Compact Discs und den Anhängern analoger Vinyl-Langspielplatten. Es wurden zwar noch keine Kriege darum geführt, für sowas hebt sich die Menschheit dann doch stichhaltigere Gründe auf, doch kann es in gewissen Kreisen zu einem gänzlich unerwarteten sozialen Abseits führen, wenn man arglos verkündet: "Ich finde CDs proppengeil! Eine der wenigen nützlichen Erfindungen nach Rad und Blinddarmoperation. Endlich Schluß mit Knacksen und Rauschen und Seidenhaarpinselentstauben und samtbehandschuhtem B-Seiten-Umdrehen und anderen mit der Schallplatte exklusiv verknüpften Kulturtechniken. Statt dessen einfach einlegen, hören, fertig! Damit komme selbst ich zurecht. Und CDs sind platzsparend, robust und entgegen landläufiger Meinung im Sonderangebot auch gar nicht teuer!" "Aber", werden die gewissen Kreise dann böse blickend einräumen, "digital klingt doch total kalt und steril!" Wer sowas böse blickend sagt, wohnt in möglichst weiten Klangräumen und weiß: Naß abspielen ist grundsätzlich besser. Der Fachterminus für in Klangräumen wohnende Menschen, die naß abspielen, lautet übrigens "HiFi-Puristen". HiFi-Puristen sind Menschen mit viel Geld, die obskure HiFi-Puristenmagazine lesen, in welchen andere HiFi-Puristen, die schon aus Berufsgründen nur naß abspielen, den Eindruck erzeugen, sie hörten Gras wachsen, Flöhe husten und Verona Feldbusch Primzahlen im Kopf multiplizieren. Diese hochbegabten Insider wissen an "ihrem Vinyl", wie sie das archaische Musikarchivierungssystem liebevoll titulieren, vor allem die analoge Wärme und Authentizität zu schätzen. Vielleicht auch die Exklusivität, daß man sich für den Genuß all dieser Vorzüge einen Plattenspieler kaufen muß, der mindestens 42.000 Mark kostet. So teuer ist er, weil ich die Summe soeben frei erfunden habe, es aber mit Sicherheit viel Geld kostet, "sein Vinyl" so rumpel- und knisterfrei klingen zu lassen wie einen CD-Player für 400 Mark. Für den Mehrwert analoger Wärme und Heimeligkeit kann man ruhig schon mal zusätzliche 41.600 Mark ausgeben, wie ich finde. In dieser Hinsicht bin ich durchaus tolerant. Ich verachte ja auch niemanden, nur weil er Mercedes fährt oder seine Socken in Florenz kauft, obwohl er gar nicht da wohnt. Manchmal, in den seltenen Momenten des Neides auf die Klangpuristen, nehme ich die Kassette zur Hand, welche ich mir einst zwecks Musikbeschallung meiner Autofahrten mit Liedchen von damals favorisierten Schallplatten vollspielte, und tatsächlich: Das authentische Abhören derselben erfüllt meinen persönlichen Klangraum augenblicklich mit einem Rauschen und Knistern und Rumpeln und Zischen, daß es eine Lust ist. Einmal fühlen wie ein Vinylpurist, für ganz wenig Geld und ohne Naßabspielen, analog abtauchen in die warme, unsterile Authentizität eines schlecht geputzten Außenklos im Hochsommer, in dem bekanntlich auch sehr viel mehr Leben drin ist als in jeder noch so hochaufgelösten Digitalaufnahme desselben. Doch das Schüren von Sozialneid, auch und gerade bei mir selbst, ist auf Dauer kaum erstrebenswert, weshalb ich außerhalb meines Autos auch fürderhin ungeniert dem plebejischen Abspielen von Compact Discs frönen werde. Mögen mich die Analogklangpuristen in ihren Analogklangpuristenmagazinartikeln ruhig weiterhin ob der digitalen Kälte in meinen Klangräumen schelten, es ficht mich nicht an. Wer sich übrigens schon die ganze Zeit fragt, warum ausgerechnet Verona Feldbusch Primzahlen im Kopf multiplizieren sollte, dem sei gesagt, daß dies neben Frau Feldbusch auch jeder andere ständig tut, wenn auch die wenigsten mit Absicht. Unser Hirn ist nämlich ein waschechtes analoges Mathematikgenie. Alleine der Vorgang des zum Kühlschrank Gehens, ohne dabei auf die Fresse zu fallen, erfordert Berechnungen, an deren Komplexität selbst modernste digitale Computer noch immer wiederholt scheitern und in denen mit Sicherheit auch die eine oder andere Multiplikation von Primzahlen vorkommt. Natürlich werden die Computer immer schlauer, und irgendwann wird es neben all dem analogen Rumgelaufe auch digitales Gehen geben, von Robotern einer staunenden Öffentlichkeit präsentiert. Und kaum, daß sich der erste Blechkamerad in Richtung eines Kühlschrankes in Bewegung setzt und dabei nicht auf die Fresse fällt, wird es sofort eine konsumreaktionäre Clique geben, die dem guten alten analogen Gehen nachtrauert. "Dieses neumodische digitale Gehen ist doch total kalt und steril!" werden sie sagen. Und womöglich auch: "Naß ablaufen ist grundsätzlich besser!". Für das daraufhin flugs gegründete Analoges-Gehen-Puristenmagazin möchte ich bitte jede Menge Artikel verfassen dürfen, damit ich mir einen digitalen Geher leisten kann, der für mich wurschtegal wie steril zum Kühlschrank läuft, derweil ich faul auf dem Sofa lümmelnd den Perlen meiner CD-Sammlung lausche. Sollte mir der Klang irgendwann zu kalt werden, kann ich ja ein Feuerchen entzünden. Gewisse Kulturtechniken sind durchaus erhaltenswert. | |