Schöner Warten dank Fußnägelrechnen für Anfänger - oder umgekehrt?

Eine Wirrnis ist das Leben. Ein Getummel die Welt. Ein Phänomen die morgendliche U-Bahn-Station. Das ist ein Knuffen und Drängeln und Gestoße und Gebrummel, all die Damen und Herren und anderes Gesumse in Zwirn und in Leder, mit Hündchen oder ohne, viel Geklimper an vielen Ohren, allgemein wenig Hut und viel Solarium. Sie huschen dahin, bis sie ganz viele sind, so dass daraus ein Strom wird, bald schon eine Flut, und es ergießt sich unablässig, ein Menschenschauer, der hernieder und durch alle Löcher plätschert, dicht und riechend, und es wird eine solche Unzahl, dass irgendwann das Schlimme offensichtlich wird: Inzwischen hat das ganze Land kein Zuhause mehr und muss nunmehr beständig U-Bahn fahren, um nicht zu erfrieren.
Und da hausen sie nun - sie schlafen in der Bahn und rasieren sich in der Bahn und dinieren in der Bahn und machen Liebe in der Bahn und gebären ihre Kinder in der Bahn, und irgendwann, so in der dritten Generation, werden die Kindeskinder der Bahnbewohnungspioniere kategorisch erklären, das sei ihre verdammte U-77, und das ganze verlumpte Gesocks aus der soeben um einen Waggon verkürzten U-75 solle sich ja nicht noch mal blicken lassen, sonst setze es aber was, und so ergibt ein Wort das andere und recht wenig später werden alle Züge über Düsseldorf Hauptbahnhof ein gemeinsames Atomwaffensperrabkommen unterzeichnen, auf dass so was wie an der Haltestelle Oststraße nie wieder vorkomme...
Abschweifen tut gut. Da wollte ich mich doch eigentlich mal wieder schriftlich ärgern, aber angesichts der U-Bahn-Bewohner mit ihren Sorgen kommt mir mein Ärger schon wieder ganz klein vor. Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten: Der ÖPNV ist der Menschheit drittgrößte Zumutung gleich nach Geschirrspülen und Gebühreneinzugszentrale.
Grundsätzlich gilt: Bahnfahren ist definitiv nix für Individualisten und Kontrollfreaks. Denn diese von den Transportunternehmen so mühelos bewerkstelligte alltägliche Massenverknechtung unbescholtener Menschen in einen globalen Warteklumpen mit zwischenzeitlichem Abhetzballett lässt die Gleichschaltungsbemühungen der weltweiten Powerregime von Kuba bis USA auf amüsante Weise stümperhaft anmuten. Aller Bromborium mit Heimatssicherheitsministerien und ähnlich teurem und uneffektivem Schmonzes, der ohnehin nur dazu taugt, anstrengende Bürgerinitiativen aus allen Ecken quellen zu lassen, verblasst neben der einfachen und subtilen Strategie, Benzin teurer zu machen als Monatskarten. Wer zur Arbeit muss, der muss halt zur Arbeit. Das können sich die Herren Möchtegerngleichschalter mal ruhig hinter ihre verschwenderischen Ohren schreiben...
Jaja, ich weiß. Obskure Gedanken sind das. Und ich kann versichern: Solche Gedanken kommen einem ausschließlich nachmittags um kurz nach spät, auf Gleis 12, Abschnitt D, wenn sich soeben ein müde gewarteter Mob zum dritten Mal zwischen zwei gleichermaßen stillstehenden S-Bahnen hin und hergehechet hat, brav den völlig wirren Lautsprecherdurchsagen folgend, die einen Zug abwechselnd ausfallen lassen, dann fährt dieser, dann jener auf einem anderen Gleis oder ohne Zwischenhalt oder Einstieg nur für alte Frauen mit Hühnerkäfigen etc. ad infinitum - am Düsseldorfer Hauptbahnhof stromert ein bärtiger alter Mann um die Mülltonnen, von dem ich vermute, er ist ein für die Welt verschollener Arbeitnehmer, welcher dereinst versuchte, den Regionalexpress nach Wattenscheid zu erwischen und dabei in den Untiefen des Nahverkehrs-Hyperraums verloren ging. Seitdem ist er einer gespenstischen Mehdornschen Unschärferelation folgend immer genau da, wo der Regionalexpress gerade nicht ist - auch sehr praktisch, solange man sich drauf verlassen kann.
In den meisten Fällen verläuft es natürlich nicht ganz so dramatisch. So wie Kunst zu 10% aus Inspiration und 90% aus harter Arbeit besteht, besteht Bahnfahren zu etwa 10% aus Fahren und zu 90% aus Warten. Semantisch korrekt sollte man also besser nicht von Bahnfahren sprechen, sondern von Bahnwarten. Das ist nämlich so: Bahnen kommen in der Regel entweder nicht an oder sie fahren nicht los. Oder - quantentechnisch hochinteressant! - beides gleichzeitig. Und wenn sie fahren, trödeln sie fachgerecht, weil seinen Anschluss zu kriegen zu den Dingen gehört, die ein Menschlein zwar still erhoffen darf, aber besser nicht ernsthaft erwarten sollte, so ähnlich wie ewiges Glück, Weltfrieden oder den letztendlichen Triumph des gesunden Menschenverstandes über das Diktat von Genetik und computergenerierten Fahrplänen.
"Soll er doch froh sein, der ewig Gehetzte, dass ihm mal ein paar Minuten der Rast vergönnt sind!" höre ich die vermeintlich Weiseren bereits palavern. So will ich denn betonen: Ich habe meine Rast gerne daheim, unter meinen Lieben, bei meinen Büchern und einem Tee, nicht jedoch an einem dreckigen und windumtosten Bahnsteig inmitten einer Milliarde frustrierter Mitverarschter. Punktum.
Ich sollte eigentlich mal eins jener Dinge tun, bei denen Statistiker und Wissenschaftsredakteure immer ganz glasige Augen bekommen, und eiskalt ausrechnen, wieviele Monate oder gar Jahre meiner kostbaren Lebenszeit die Bahn nebst Spießgesellen bereits achtlos verschleuderte, indem man mich irgendwo doof rumstehen ließ. Oder besser doch nicht. Die Zahl, die dabei rauskäme, wäre ob ihrer Größe wahscheinlich nicht besonders erquicklich.
Wiewohl es natürlich solcherlei Geartete gibt, die sagen: "Geil, Zahlen! Je größer, desto besser!" Arithmetische Menschen, die sich selbst Logarithmentafeln zu Weihnachten schenken. Ich kannte einen solchen, der mich und bedauernswerte Mitinsassen in Mathematik unterrichtete. Wobei ich in erschaudernder Erinnerung schwelgend festellen muss, dass Mathe im Großen und Ganzen fast so doof ist wie Bahnwarten.
Die unsichtbaren Geschickelenker wissen natürlich um solcherlei Verbindungen im Gefüge des Chaos, und weil sie eine diebische Freunde am Leid der Kreatur empfinden, belügen sie bereits die Jüngsten schamlos über die Realitäten des Lebens und treiben sie als arglose Naive in die Arme der Wartenlass-Industrie. Zu welchem Behufe auch in jedem Schulbuch auf diesem Planeten dumme und völlig realitätsferne Aufgaben der folgenden Art drinstehen: "Zug A fährt um 9:34 von Bochum nach Travemünde mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 80 km/h. Zug B fährt von Flensburg nach Garmisch um 9:46 mit durchschnittlich 75 km/h. Berechnen Sie den Zeitpunkt maximaler Annährung der beiden Züge sowie jenen Zug von beiden, der zuerst den Zielbahnhof erreicht usw." Man kann sich angesichts solcher Aufgaben spielend zum jugendlichen Revoluzzer und unbequemen Anti-Rädchen im System stilisieren, wenn man auf das anschließend folgende "Müller, rechnensemalaus!" antwortet: "Also, so einfach ist das ja man nu nich, guter Mann. Schon mal Zug gefahren, oder was? Da geht's zu wie auffem Pferdemarkt, wenn die Hornissen kommen, sach ich Ihnen. Weil nämlich Zug A, ich vermute den IC Johanneslust mit der sowieso dauernd kaputten Lok, hat heute wegen eines Gleisbruchs bei Darmstadt sechzig Minuten Verspätung, Zug B fährt aufgrund des ebenfalls verspäteten ICE Rothenburg heute abweichend auf Gleis neun, Zusatzgewicht durch die Reisenden, die wegen des Ausfalls der S11 nach Solingen ohne Zuschlag bis Duisburg Hauptbahnhof mitfahren dürfen, ist einzukalkulieren usw." In Bewegungsaufgaben hatte ich stets eine Fünf, Verspätung nicht eingerechnet.
Aber es soll ja wie gesagt auch Menschen geben, die keine Fünf in Bewegung hatten. Die rechnen dann ihr Leben lang beständig irgendwelchen Schmonzes, z.B. sowas: Wenn ich mir ca. einmal pro Woche die Fuß- und Fingernägel schneide, sind das pro Zeh bzw. Finger im Durchschnitt etwa sagen wir mal so ungefähr je nachdem zwei Millimeter an Material, welches abgetragen wird. Mal zwanzig macht immerhin schon vier Zentimeter pro Woche, im Jahr sind das bereits zwei Meter acht, in zehn Jahren sage und schreibe zwanzig Meter achtzig etc. Beginnt man dieses Gedankenspiel auf einem Bahnsteig, wo man bekanntlich für längere Zeit keinerlei Störung etwa durch ankommende Züge oder ähnliches zu befürchten und demzufolge viel Muße für allerlei Unsinn hat, so käme man irgendwann dazu, berechnet zu haben, dass man mit dem gesammelten Zehennagelabraum der Menschheit seit Christi Geburt problemlos eine Rollschuhbahn zum Jupiter bauen könnte oder sowas. Wobei das natürlich keine besonders appetittliche Vorstellung ist, aber nachdem ich nun schon mal so schön gerechnet habe, fang ich halt mal an zu sammeln, auf dass ich demnächst auf einer privaten Rollschuhbahn aus Fußnägeln statt in einer Trödelbahn der Wartemafia zur Arbeit fahren kann. Schöner Leben durch Mathematik - featured by Bahnwarten.
Aber sowas denke ich lieber nicht zu Ende. Das verursacht nur unschöne Innenkopfbilder von barfüßigen Statistikern, die seit Christi Geburt auf einem Berg aus etlichen Fantastilliarden Tonnen menschlicher Fußnägel sitzen und auf die Erfindung des Rollschuhs warten...
Genug jetzt! Und nächste Woche berichten wir live von der Verleihung des Verkehrsnobelpreises an die S28 für das pädagogisch wertvolle Garnichtfahren ohne Lautsprecheransage bei zweistelligen Minustemperaturen. Ich bin mir ziemlich sicher: Der Amoklauf wurde auf einem Bahnsteig erfunden.