Können Schweine auch bei Mondlicht noch was lesen?

Normalerweise gibt es an dieser Stelle ja immer weltverbessernde Worte, von denen sich so mancher Geschickelenker getrost eine Scheibe abschneiden sollte und so. Aber heute gebe ich mich mal betont unpolitisch und möchte statt dessen auf einen nicht weniger brisanten Detailmißstand unserer urbanen Zivilisation aufmerksam machen: Das ebenso enigmatische wie ärgerliche Verschwinden von Lesezeichen.
Ein Lesezeichen an sich ist ja schon ein gar wunderlich Ding - ein simpler Pappstreifen, jeglichen profanen Draufschreib-Zweckes enthoben, einzig dazu dienend, die zuletzt gelesene Stelle in einem Druckerzeugnis durch simples Dazwischenstecken deutlich sichtbar zu markieren. Ein faszinierendes Manifest einer Zivilisation, die Zeit hat, sich über solche Dinge Gedanken zu machen und es als stillos empfindet, einfach einen Busfahrschein in den Shakespeare zu klemmen.
Ich entsinne mich sogar noch meines ersten Lesezeichens, welches ich im Alter von ca. fünf bis sechs Jahren überreicht bekam. Auf jenem Teil, der bei sinngemäßer Benutzung oben aus dem Buch rausguckt, ist eine Gans im Mondlicht auf der Kuppe eines Hügels zu sehen. Ihr Kopf steckt aus nicht näher erläuterten Gründen in einem braunen Wanderschuh oder vielleicht auch einer Stiefelette, so genau ist das leider nicht zu erkennen, auf jeden Fall in irgendeiner Art von Schuhwerk, so daß ihr rückwärtiger Teil nach oben weist, auf den Schwimmfüßen ein Buch zur gefälligen Lektüre feilbietend. Aus dem Schuh wiederum, und damit aus dem Kopf der Gans, quillt eine Denkblase mit dem Inhalt: "Wahrscheinlich liest wieder kein Schwein..." Zur Komplettierung des Scherzes sitzt auf der Denkblase ein Schwein, in die Lektüre des Buches vertieft. Ein surrealistisches Miniaturkunstwerk, welches mir bis heute täglich neue Rätsel aufgibt: Steckt die Gans freiwillig ihren Kopf in den Schuh? Wird sie womöglich von einer garstigen, gesichtslosen, allmächtigen Organisation dazu gezwungen? Wird das Schwein irgendwann doch noch die Gans von seiner Anwesenheit in Kenntnis setzen? Oder sind Schweine hauptsächlich deshalb so in Verruf geraten, weil sie die altruistische Ader von Buchständer-Gänsen schamlos ausnutzen und des Nachts lesen, ohne sich zu melden oder gar zu bedanken?
Natürlich ist das eben beschriebene Lesezeichen schon längst nicht mehr auffindbar, ebenso wie seine Kollegen jüngeren Datums. Aufgrund meiner Affinität zum Gedruckten und der Tatsache, daß man in jedem Buchladen und bei jeder Amazon-Bestellung eins bekommt, müßte ich mich rein theoretisch mittlerweile im Besitz von mehreren tausend Lesezeichen befinden. Befinde ich mich aber nicht. Vielmehr befinde ich mich in einem Zustand, der durch die unerklärliche Abwesenheit originärer Lesezeichen geprägt ist. Nie warf ich absichtlich ein Lesezeichen weg, noch verschenkte ich jemals eines, müßte in Folge obengenannter Gründe nachgerade Schwierigkeiten haben, durch die Berge angesammelter Lesezeichen zu Tür und Telefon zu waten, was natürlich nicht der Fall ist. Die Wirklichkeit sieht so aus, daß aus den Büchern in meinen Regalen jede Menge angegilbte Einkaufslisten, Tankquittungen und Zettel mit hastig notierten Telefonnummern herausragen (Falls sich jemand wundern sollte, warum ich ihn oder sie nie angerufen habe, obwohl ich ja die Nummer habe: Sie steckt sehr wahrscheinlich in einem Buch, das ich längere Zeit nicht mehr aufgeschlagen habe.), während all die Lesezeichen, die sich im Laufe meines Lebens in meinem Besitz befunden haben müssen, ganz entschieden anderswo sind und mich dazu zwingen, auf unästhetische und in manchen Fällen mein Privatleben beeinträchtigende Surrogate auszuweichen. Immer, wenn ich mal eins brauche, weil ich gerade lesend von Telefon oder Türklingel unterbrochen werde, spielt sich die gleiche Szene ab: Der Kopf schnellt nach oben, der Zeigefinger der rechten Hand zwischen die Seiten des vom Zufallen bedrohten Druckwerkes. Ein kurzer hektischer Blick, ein optimistischer Überschlag, wie viele wohlfeile Lesezeichen sich rein theoretisch in diesem Moment in meiner Reichweite befinden müßten, um mir auf denkbar simpelste Weise zu Diensten zu sein. Statt dessen aber sehe ich mich jedes Mal genötigt, doch wieder die Abonnenten-Prämien-Beilage aus der Fernsehzeitung zu benutzen. Ein Rätsel.
"Was regt der sich eigentlich auf?" mag da jetzt manch einer nörgeln. "Der Neandertaler z.B. hatte auch keine Lesezeichen, ja, nicht mal eine Fernsehzeitung, mit deren Beilagen er sich in zeitkritischen Buchzuklappsituationen aus der Klemme helfen konnte." Worauf ich lediglich erwidere: "Stimmt. Aber der Neandertaler ist ja auch inzwischen ausgestorben, wenn auch nicht unbedingt gerade deswegen."
All den Akte-X-gestählten Verschwörungstheoretikern da draußen, die bereits den Geheimnisrausfindsoundtrack auflegen, sei allerdings an dieser Stelle sogleich gesagt: Es ist höchst unwahrscheinlich, daß eine internationale oder auch nur kommunale Verschwörung der Grund dafür ist. Es ist wohl eher Schusseligkeit. So wie auch der geheimnisvolle UFO-Unfall in Roswell seinerzeit wohl hauptsächlich auf eine Unachtsamkeit des außerirdischen Piloten zurückzuführen ist. Möglicherweise, weil auch heilbringende Superzivilisationen von gewissen Zipperlein heimgesucht werden, wie jenem, daß man in entscheidenden Momenten die richtige Seite in der Raumschiffbedienungsanleitung nicht finden kann, weil kurz zuvor, als zum ersten Mal die Alarmglocken losdröhnten, kein Lesezeichen zur Hand war und hektisch blätternde Aufnahme lebenswichtiger Informationen, während der Boden von New Mexico mit Schallgeschwindigkeit auf einen zurast, nun mal nicht jedes Wesens Sache ist, auch wenn das Hirn groß ist wie ein Medizinball.
Früher übrigens, bevor es Bedienungsanleitungen und Aliens gab, wurden Bücher ausnahmslos mit einem unverlierbar installierten Lesezeichen in Form eines dünnen Stoff- oder Seidenstreifens ausgeliefert. Der war am Buchrücken festgenäht, und unten guckte ein fransiger Zipfel raus, an dem man nur ziehen mußte, um sofort da weiter lesen zu können, wo man aufgehört hatte. Bestechende Technologie von schlichter Genialität, auf einer Stufe mit Rad und Mausefalle, die sich nur im Brockhaus und in religiösen Gesangbüchern erhalten hat. Warum ist das nicht mehr überall so und wenn, dann nur bei sauteuren Büchern, die sich keiner leisten kann, oder bei saudummen, die keiner lesen will? Geht denn hier allmählich alles vor die Hunde?