| Alcopopliterarisches Experiment | |
Heute begebe ich mich mal in die Tradition von Doktor Jekyll und Max Goldt und mache etwas literarisch höchst veranstaltenswertes: Einen Selbstversuch. Einige machen das ja mit Drogen oder esoterischen Sexpraktiken, aber es lesen ja auch Minderjährige mit, und die sind schließlich heutzutage schon animiert genug zu allerlei. Ich selbstversuche heute statt dessen mal Popliteratur. Das scheint mir lohnenswerter als Haschisch-Visionen mit dem Kassettenrekorder aufzuzeichnen, denn sollte das Experiment gelingen, hätte ich endlich eine Karriere! Einmal so schreiben wie Alexa Hennig von Lange und endlich die Nächte durchkoksen und neben Udo Lindenberg im Fernsehen auftreten! Was für ein Leben! Seid umschlungen, Millionen usw.! Der Versuchsaufbau besteht aus einer handelsüblichen Textverarbeitung und mir selbst. Was sonst noch benötigt wird, müsste ich jetzt gerade mal überlegen... Ein 'von' im Nachnamen wäre natürlich hilfreich. Habe ich aber leider gerade nicht da. Und eine Verschiebung des Experiments deswegen? No Way! Würde nur meinen Zeitplan ruinieren, immerhin muss der Versuch bis neun Uhr fertig sein, da will ich nochmal weg. Zudem habe ich gehört, notfalls ginge es auch ohne. Setzen wir einfach voraus, der solchermaßen Sprechende weiß, was er sagt. Ebenfalls vorteilhaft für Popliteraten ist es wohl, eine Biographie zu haben, die von Gelegenheiten wimmelt, bei denen man auf Konzert x war, um Droge y zu nehmen und daraufhin ganz böse abzustürzen. Oder wahlweise saß man in München in Restaurant x mit Promi y, als plötzlich Promi z reinkam und irgendwas sagte. Dummerweise ist meine Biographie bislang bar solcher Begebenheiten. Ich fürchte also, ich werde es statt dessen einfach mit ein wenig lebhafter Phantasie versuchen müssen. Aber das hier ist ja auch erstmal nur ein Experiment, deshalb geht das schon in Ordnung. Ich lege also meine Schutzbrille an (Niemals ohne! Bei Selbstversuchen immer wichtig!) und schreibe los: Selbstversuch (Auszug): "[...]Das Konzert der 'Wallhalla Washingtons' ist grausig. Die reiten durch die Skalen wie Schockemöhle nach ein paar Bier. Null groovy, selbst die Kulturreferentin von Legoland kratzt sich schon am Sack. Und wie schlecht die angezogen sind! Wer trägt denn heute noch Janno-Flatterhemden zu einer Ibanez-Gitarre? Grottig! Nach dem vierten Song schlendere ich hinter die Bühne und treffe Sonyanka. Sonny ist die Größte, klug und sexy und immer adrett gekleidet, heute auch wieder, in ihren Manzano-Jeans und dem paspelierten Caro-Visagi-Oberteil, durch das man ihre Nippel sehen kann - die Frau ist ein einziges sekundäres Geschlechtsmerkmal mit Doktortitel in Ökotrophologie und Wasserball, klug und sensibel, eine Insel in dieser Scheißwelt, in der einen eh keiner mehr versteht. Ihr Großhirn ist erotischer als die Titten der meisten anderen Frauen. Ich finde daher, sie sollte es in einem dritten Körbchen zwischen ihren Brüsten tragen. Diesen Vorschlag findet sie geil, aber leider unmachbar, weshalb sie mir einen bläst und dann Schnüffers anbietet. Sonny ist echt die Größte! Schnüffers ist die Hyperdroge, Crazy Mix aus Ahoi-Brause und gekrümeltem Fensterkitt. Zwei Lines, und bei einem guten Trip verspürst du noch Tage später das Bedürfnis, Mittelhochdeutsch zu lernen und endlich den Müll runterzutragen - ein Teufelszeug! Aber wir sind jung, wir haben das Geld! Ja, klar. Ich nehm das Zeug, natürlich! Immer, gerne, herzlichen Glückwunsch! Abstürzen ist die schnellste Art der Fortbewegung, oder nicht? Wenn ich was nicht leiden kann, dann diese brokatbestickten Vernunftgouvernanten und Soziologenspießer, die vor ihren Kressetees brüten und sich auf den Werteverfall einen runterholen. Wer nicht mal A-r-m-a-n-i-e buchstabieren kann, der soll doch einfach die Fresse halten! Ich erinne mich noch an meine Abiturfeier: Als der Direktor mir mein Zeugnis aushändigte, machte ich mitten auf der Bühne meinen 600-Euro-Mantel auf und reckte ihm mein pralles Ding entgegen. Ich hatte den Hübschen natürlich vorher mit Joop eingesprüht und mir eine Skibrille designed bei Porsche über die Eier gezogen. 'Schau her, du verdümpeltes Sackgesicht!' brüllte ich. 'Selbst mein Schwanz ist besser angezogen als Du! Und jetzt gib mir den Fetzen und verpiss Dich!? Naja, ich war halt schon immer eine wilde Sau. Und Sonny ist die Größte. Im Blasen, im Drogennehmen, sogar im Taxi bestellen. Sie bestellt ein Taxi, wie andere Frauen masturbieren: Man könnte ewig dabei zuschauen. Die Erotik der Handybenutzung dringt hoffentlich nie bis in die Prolo-Schichten durch. Irgendwas möchte ich doch noch für uns alleine bewahrt wissen. Das Schnüffers wummert zwischen meinen Schläfen, tanzt Salsa in meinen Eiern. 'Tiusche man sint wol gezogen, rehte als engel sint diu wyp getan', sabbere ich in Sonnys Richtung. 'Lass uns den Müll runterbringen', antwortet sie. Notgeiles Luder. Aber ein Großhirn... Als ich wieder zu mir komme, ist München, und ich bin schon wieder verdammt fremd dran. Aber macht nix. Auf dem Weg von meiner Kemenate im Stammhaus der 'Modischen Jungen Männer von Bogenhausen' ins Atrium der Finanzamtskantine begegne ich Poldi Shanka, der gerade von seiner Tournee zurück ist. Das muss natürlich gefeiert werden! Poldi ist der coolste Promi nach Jesus C. Poldi hat keinen Fernseher, dafür aber schon mit 8945 Frauen geschlafen. Zum Glück weiß er, wie man sich anzieht - er würde nie, wie etwa die 'Wallhalla Washintongs' oder andere Loser-Kapellen, in Leinen auf einer Aluminiumbühne auftreten. Poldi liest auf dem Klo Adorno und wichst im Flugzeug. 'In Frankfurt noch geil, und über Teneriffa schon schleudern - das nenne ich Leben! Das ist global!' sagt er immer. Wir sitzen also kurze Zeit später bei Giovanni Salvatore im 'La el' und fressen Schinkenmelonen, saufen dazu Absinth aus italienischen Pömps. An der Ecke unseres Tisches sitzt Ruth von Lohhausen, die Schnecke von der 'Nachtschau'. Ihr Pomponi-Kleidchen ist hochgerutscht und zeigt ihren Larana-Silk-Tanga - String vorne. Ein rattenscharfes Luder, aber leider ziemlich beschränkt. Im Augenblick liegt sie mit dem Gesicht in ihrem Designersalat und schnarcht. Sie hat wieder Weizenbier getrunken und träumt jetzt davon, mit Edmund Stoiber ein Kind zu machen. Weiber. Ich will Poldi gerade von dem Scheißkonzert und dem grandiosen Absturz erzählen, als Kardinal Ratzinger reinkommt. Wie immer ist er extrem cool. Er winkt, beschimpft uns alle liebevoll als säkularisierte Pissnelken und gottlose Arschgesichter, dann bestellt er eine Magnumflasche Prosecco, die er sofort dem mitgebrachten Ministranten in die Poritze gießt. Und dann ist auch schon Party... 'Das ist wie NY', ruft Poldi immer wieder begeistert und steckt der schlafenden Ruth die Zunge in den Stringtanga. 'Wie im fucking East Village is das hier!' Ruth wacht nicht mal auf.[...]" Hm. Also, ich weiß nicht so recht. Kein so dolles Experiment. Ich fühle mich gerade recht leer und innerlich beschmutzt. Als hätte ich eine städtische Bushaltestelle mit Filzstift bemalt. Ist das der Gemütszustand global lebender Jungschreiberlinge? Fühlen so die Popliteraten nach ihren Taten, vornehmlich den schriftlichen? Wenn ja, erklärt das einiges, u.a. die grassierende Reue, der einige der mondänen Textverarbeiter derzeit anheim fallen. Da sitzen sie nun, die armen Gebeutelten, die jahrelang auf schlechten Konzerten abartige Drogen nehmen mussten, nur um eine beschreibenswerte Biographie zusammenzukriegen. Und jetzt sind sie geläutert und halten Anti-Absturz-Seminare auf SPD-Kinderfesten und applaudieren jedem, der mal eben einen Kaffee machen geht... Den letzten Halbsatz mit dem Kaffee habe ich übrigens nicht selbst erdacht sondern von Carrie Fisher gemopst resp. aus ihrem nach wie vor grandiosen Buch 'Postcards from the Edge', einem Werk, das die Popliteratur quasi bereits erfunden, perfektioniert und zu Ende parodiert hatte, zu einem Zeitpunkt, als Benjamin von Stuckrad-Barre noch versuchte rauszufinden, mit welcher Hand es sich geiler anfühlt. Ja, genau dort habe ich es gestohlen. Aber ich bin sicher, sie ist mir deswegen nicht böse. Man klaut ja nur, was einem gefällt. Außerdem soll sie sich mal ja nicht so anstellen. Immerhin durfte sie schon in 'Krieg der Sterne' mitspielen, während ich bisher noch nicht mal in München war. Das Experiment mit der Popliteratur erkläre ich übrigens für gescheitert. Sowas kann ich nicht. Das ist doch Scheiß. Und gegen Alcopops bin ich auch. Viel zu teuer! | |