Dieter Bohlen und andere Lebensmittelskandale

Genau betrachtet ist Deutschland ja nicht unbedingt das spannendste Land der Welt. Ohne gelegentliche Bundestagswahlen nebst den zugehörigen Skandalen und Untersuchungsausschüssen wären wir wahrscheinlich die langweiligste Nation auf dem weiten Erdenrund.
Womit können sich doch andere Länder rühmen! Die dschungelbewaldeten Perlen Südamerikas etwa: Jeder Quadratmeter ein Naturschauspiel und zudem Schauplatz weltberühmter Drogenkriege und Menschenrechtsverletzungen. Auch die europäischen Nachbarn haben zum Teil Spektakuläres im Angebot, wie Griechenland, wo Demokratie und Fast Food erfunden wurden, oder Frankreich, das weltberühmte Mutterland des gesellschaftlich sanktionierten Alkoholismus, oder England, das ja bekanntlich in jedem Bauernflecken mehr Könige zu verzeichnen hat als Österreich Frauenbeauftragte vorweisen kann. Die Schweiz hat die Alpen und der Vatikan den Papst. Und was haben wir? Düngemittelskandale! Ist das öde, oder ja?
Man sieht also, es gibt jede Menge Nationen, in welchen man sehr viel besser und komfortabler in Angst und Empörung leben bzw. atemlos von einer spannenden menschlichen Fehlleistung zur nächsten taumeln kann. Bei uns hingegen, so können selbst die Jüngsten unter uns bereits beklagen, gehören die wirklichen spannenden Ereignisse fast ausschlie?lich zur Historie. Soll hei?en: Erst der Nimbus des Vergangenen macht aus schnarchigem Alltagsrumgemache historisch Bedeutsames. Die Gegenwart hingegen zeichnet sich in der Regel eher durch einen nicht zu übersehenden Mangel an Bedeutsamkeit aus. Und selbst das Historische ist in neunundneunzig Prozent aller Fälle nicht so wirklich der Rede wert. Man kann schlie?lich nicht jeden zweiten Tag ein Wackersdorf haben, oder NATO-Doppelbeschluss oder Mauerfall. Da ginge dann doch ein wenig der Event-Charakter verloren. Und der Durchschnitt, das wissen wir bereits seit den von Ödnis durchwirkten Statistikvorlesungen in der achten Klasse, ist per Definitionem langweilig. Wäre er das nicht, wäre er nicht er selbst. Die Spannung im Leben ergibt sich demzufolge offensichtlich aus den Identitätskrisen statistischer Messgrö?en, und die sollte man schon aus Gründen der inneren Sicherheit nicht allzu oft provozieren.
Sollten demnach also irgendwann eines fernen Tages, in den seligen Zeiten nach dem einen oder anderen Globalisierungsunfall, senegalesische Touristen auf Fotosafari nach freilebenden Citibankberatern und anderem Wildgetier durch die Trümmer unserer Heimat kutschiert werden, so hörte man den bärbei?igen, weil braungebrannten und wettergegerbten Fotosafaribegleitkommentarsprecher wahrscheinlich in etwas folgendes sagen: "Soeben durchqueren wir die ehemalige Bundesrepublik Deutschland, weltbekannt für ihre Blasmusik, statistischen Bundesämter und parlamentarischen Untersuchungsausschüsse." Also: Wäre ich eine Nation, so wäre mir denn doch daran gelegen, für andere Dinge im Gedächtnis der Menschheit kleben zu bleiben, aber wahrscheinlich gehört das zu den Sachen, die man sich nicht aussuchen kann.
Allerdings ist noch nicht alles im Argen. Wer genauer hinsieht, wird erkennen: Die Regierung kümmert sich! Wenig bekannt sind etwa die Ma?nahmen im Lebensmittelsektor. So z.B. der vorgeschriebene Verkauf von zusammengefalteten Schinkenscheibchen in nur schwerlich zu öffnenden Kunststoffverpackungen. Dessen Verzehr beschert dem frühmorgens noch schnell ein Brot fürs Büro machen Wollenden und ohnehin schon verdammt spät dran Seienden mit seinem lustvoll-dramatischen Gefitzel und Gefummel und Zerzutzeln und Verhutzeln ganz unverhofft ein aufregendes Flashback zurück in die gute alte Zeit von speergestütztem Nahrungsmittelerwerb und abendlicher Fressfeindabwehr. Garantierter Adrenalinschub für den trägen Zivilisationsübersättigten sozusagen. Danke, all ihr unermüdlichen Schinkenzusammenfalter!
Dafür, dass auch dem Genuss ungefalteten Schinkens eine gewisse Grundspannung erhalten bleibt, sorgt ansonsten der eine oder andere Lebensmittelskandal. Aber - so amüsant diese auch sein mögen, um eines möchte ich die Medienschaffenden dieses Landes an dieser Stelle allerdings eindringlich bitten: Wenn schon Lebensmittelskandale, dann bitte nicht - wie bislang geschehen - mit Schlagzeilen wie "Tiefkühltorten unter Verdacht!" oder "Torte eventuell unschuldig!". Dies könnte im Wiederholungsfalle aus dem einen oder anderen Schreibtischtäter höchst alberne Gedankenwelten hervorkrümeln lassen. Ich denke da an Unsägliches mit Banden krimineller Konditorwaren, innenministerial überwachtem Terrorgebäck o.ä. Es drohte womöglich eine wahre Schwemme völlig idiotischer Wortspiele quer über den gesamten Genussmittelbereich, welche die deutsche Sprach-, Kultur- und Kolumnenlandschaft ähnlich grausig verheeren könnte wie erwähnte Globalisierungsunfälle die zukünftige ehemalige Bundesrepublik. So was muss nicht sein.
Apropos Dieter Bohlen: Dessen neulich bereits diskutierte bemerkenswerte Fähigkeit, immer und überall sein eigener Skandal zu sein, brachte mich auf höchst interessante Wortneuschöpfungsgedanken. So erwäge ich denn nach eingehendem Nachsinnen, folgenden Vorschlag an die Community zu richten: So wie bekanntlich schon seit der Antike der Begriff "kafkaesk" besonders surreale oder furchterregende Alpträume zu klassifizieren pflegt, könnte man m.E. künftig besonders bizarren und sinnentleerten Skandalen das Wörtchen "bohlenesk" als Attribut anheften. Ich fände das gut. Und wenn man eh schon gerade dabei ist, könnte man auch gleich den weiblichen Teil der Weltbevölkerung in zwei Hälften gliedern: In eine, die es vorzieht, sich naddelhaft zu kleiden, und in alle anderen. Zu jenen allen anderen gehört unbedingt und in jedem Fall auch unsere allseits beliebte VerbraucherInnenministerin Renate Künast, welche ich an dieser Stelle ausdrücklich als die wahrscheinlich expliziteste Anti-Naddel-Imitatorin unserer Nation, wenn nicht gar der ganzen Welt verstanden wissen möchte. Sie ist in allen nur denkbaren Belangen unbeschreiblich unnaddelhaft. In der Tat haben die beiden so extrem wenig gemeinsam, dass die Anzahl ihrer Gemeinsamkeiten rein mathematisch bereits als negativ betrachtet werden muss, d.h. die beiden ergeben durchaus und getrost eine Art menschliches Materie-Antimaterie-Paar. Und da heutzutage ja jeder Star-Trek-gebildete Fünfjährige aus dem Effeff zitieren kann, was passiert, wenn Materie und Antimaterie aufeinander treffen, kann man nur hoffen und beten, dass BundesverbraucherInnenministerin Renate Künast und Ex-Dieter-Bohlen-Beischlafministerin Nadja Abdel Faragh niemals auf einer Bambiverleihung ineinander rennen. Dies könnte eine Explosion ungewöhnlichen Ausma?es zur Folge haben, bei der u.U. einem Gro?teil der Bambi-Verleihungs-Prominenz mit einem Mal der Garaus gemacht würde. Man stelle sich das einfach mal vor: Uns Renate und uns Naddel tummeln sich am Buffet, greifen gleichzeitig nach einem bislang lebensmittelskandalfreien Lachshäppchen, eine kurze und zufällige, wenngleich zärtliche Berührung der Fingerspitzen (Hier kann man sich gerne eine dramatische Zeitlupe o.ä. vorstellen!), und: BUMM! Mit einem Schlag ist der Löwen-, Geparden- und Gazellenanteil der deutschen Sichgegenseitiginterviewundzusondersendungeneinladinzucht-TV-Familie nur noch Geschichte. Dies wäre wohl in der Tat eine Katastrophe bohlenesken Ausma?es, würde ich sagen. Aber hallo! Dann wäre wirklich mal was los in Deutschland!