| Holzlos durchinformiert oder doch lieber ein Lüftchen am Dingsbums? | |
Es gibt so Nachrichten, die sind eigentlich gar keine. Neulich zum Beispiel ist Dieter Bohlen nackt in den Wald gerannt. Als intellektuell dick beschlagener Urbankosmopolit mit Sinn für Stil und Kultur und solche Sachen MUSS man auf solcherlei Ankündigungen möglichst spontan und glaubwürdig antworten können: "Wer zur Hure Babylon ist Dieter Bohlen?" Aber mal ehrlich - wer kann das schon? Ich hebe meinen Blick einmal kurz vom virtuellen Pulte empor, von welchem ich meine Weisheiten an die Community herabsalbadere und werfe einen prüfenden Blick in die Runde. "Also, Herrschaften", sage ich sodann, und linse listig über den Brillenrand, "nur aus Gründen der angewandten Statistik: Mal bitte alle die Hand hoch, die hier glaubhaft und ernsthaft versichern können, nicht zu wissen, wer Dieter Bohlen ist! Aha...eins...zwei....interessant. Äh, Sie da hinten...was? Ach so, ihr Flüchtlingsschiff aus Albanien ist gerade erst angekommen? Das erklärt einiges. Und Sie? Was? Sie waren die letzten zwanzig Jahre in einem tiefen Loch vergraben? Aus Steuergründen? Also, so was aber auch! All den anderen sei an dieser Stelle laut und vernehmlich gesagt: Siehste!" Was wäre damit bewiesen? Eigentlich noch gar nix. Denn das jemand von (fast) jedem gekannt wird, macht seine Aktivitäten m.E. noch lange nicht berichterstattungswürdig. Journalistisch und demokratisch relevant wäre das ganze Nackt-in-den-Wald-Gerenne von wem auch immer nur dann, wenn er/sie/es dabei z.B. neue Umsatzsteuergesetze erließe oder einem bis dato eher freundschaftlich verbundenen Nachbarland den Krieg erklärte. Ohne so was ist es lediglich aufgepumpter Multimedia-Unfug, der uns vormachen soll, wir hätten keine anderen Sorgen. Die wir m.E. auch in erheblich geringerem Umfang hätten, nähmen wir uns hin und wieder mal ein Beispiel an der ansonsten ja doch eher nutzlosen Prominenz. Von mir selbst angestellte Untersuchungen zeigen z.B., dass man alleine dadurch, dass man einmal pro Tag nur für zehn Minuten nackt in den Wald rennt (für Alleinerziehende und IT-Entscheider reicht auch einmal die Woche) den Planeten retten kann. Naja, jedenfalls ein bisschen. Denn jene zehn Minuten, die man unbekleidet in einem Gehölz seiner Wahl verbringt, sind immerhin zehn Minuten, in denen man sich nicht mit anderen Sorgen rumärgern muss. Zehn Minuten, die man nicht damit verplempert, selbst finanzierte TV-Werbepots anzuschauen (Kolumne Eins berichtete), unerwünschte Werbe-Emails zu löschen oder in irgendeinem blöden Internet rumzusurfen, bei dessen Besurfung, das wissen ja mittlerweile selbst jene Spatzen, die normalerweise beim was von den Dächern runterpfeifen grundsätzlich zu spät kommen, sowieso nur verarscht und ausspioniert wird. Zehn Minuten, in denen mal nicht ein blödes Stückchen Silizium kackfrech versucht, schlauer zu sein als vier Milliarden Jahre Evolution und man statt dessen auf herrlich erfrischende Weise von jeder Form von Information unbehelligt bleiben kann- zumindest, solange es der Multimedia-Mafia nicht gelingt, Eichhörnchen und Blautannen das Sprechen beizubringen. Kurz gesagt: Zehn Minuten, in denen man dem Informationszeitalter einfach mal den nackten Hintern ins Gesicht strecken und ein frisches Lüftchen um das eine oder andere Dingsbums wehen lassen kann. Gingen wir alle täglich nur für zehn Minuten in den Wald, gefiele es uns da vielleicht so gut, dass wir jeden Tag ein bisschen länger dablieben - bis eines Tages all jene, deretwegen wir ins Unterholz flüchten, nix mehr an uns verdienen können, weil wir lieber selbst im Wald rumhängen, anstatt weiterhin Information zu konsumieren darüber, wie andere Leute im Wald rumhängen. Der Gipfel der Do-it-yourself-Bewegung! Womit wir uns allerdings tunlichst beeilen sollten. Denn eigentlich sollten wir froh sein, dass wir bei dem immensen Bedarf an Nachrichtendraufdruckpapier überhaupt noch Wälder haben, in die irgendwelche Prominente möglichst medienwirksam reinrennen können. Wenn das mit dem Papierverbrauch nämlich so weiter geht, werden wir uns irgendwann ganz bald noch nach den Zeiten zurücksehnen, in denen getitelt wurde: "Dieter Bohlen rannte nackt in den Wald". Weil es dann nämlich nur noch heißen kann: "Bundespräsident Klaus Wowereit rannte nackt auf den Parkplatz" oder ähnliches, auf jeden Fall waldlose News, und blutleer noch dazu. Wen interessiert es denn angesichts von Containerfernsehen, Multikriegsschauplatzberichterstattung und Hightechschönheitsmedizinnachrichtensprecherinnen noch, was der Bundespräsident gerade an hat? Eben: Keine Sau! Das einzig Positive daran wäre vielleicht, dass Dieter Bohlen jetzt endlich mal zu Hause bleibt und die Klappe hält. Aber sonst - zappenduster ist das... Da könnten wir ja gleich wieder beschämt zurückkehren ins finstere "Och, manches muss ich jetzt nicht so unbedingt ganz genau wissen"-Zeitalter der Ignoranz und schulterzuckenden Gleichgültigkeit gegenüber dem Weltgeschehen. Sie wissen schon - damals, als es noch niemanden gab, der den Leuten für viel Geld sagte, was sie alles wissen müssen, sondern die Menschheit noch völlig unkoordiniert und mehr oder weniger willkürlich aussuchte, was für sie evtl. von Bedeutung war, z.B. wenn ein König totging, oder Dämonen und Sukkuben das Antlitz der Erde verheerten, oder ein Papst oder ein Krieg oder die Pest oder eine neue Philosophie ausgebrochen war. Da war man dann vielleicht gewillt, einzugestehen: "Na gut, das mag jetzt vielleicht eine Nachricht sein." Aber wirklich nur das. Alles andere war bloß Geschwätz. | |