| Rebellion gegen gähn, aber Düsseldorf von hinten ist auch nur bedingt schmackofatz | |
Heute hat es tatsächlich eine ganze Stunde lang nicht weh getan, am Leben zu sein. Ich betrachtete das als bemerkenswerten Fortschritt. Und höre bereits die Nörgler: "Boah, so ein Negativist! Immer alles schlecht machen! Selbstmitleidiges Gefasel. Und überhaupt: Was für ein Humbug! Wenn dem was weh tut, soll er doch zum Arzt gehen..." Das ist allerdings ein echter Warmduscher- und Nixkapierer-Vorschlag. Ärzte sind nämlich sowieso alle Quacksalber. Die können ja nicht mal helfen, wenn man Schnupfen hat. Wie sollen die dann helfen, wenn einem das Leben weh tut? Die sagen immer nur - nene, nicht: "Nehmen Sie zwei Aspirin und rufen Sie mich morgen an." So was sagen nur Ärzte im Film, und auch dann nur gerüchteweise, wenn der Drehbuchautor mal schnell einen doofen Spruch über Ärzte braucht. Echte Ärzte sind erschreckend unkreativ und logisch rational bis zur Nörgeligkeit. Man kommt ihnen mit Krankheiten, wie sie schöner nicht erdacht sein können, und die kommen einem statt mit Mitleid bloß mit Diagnosen und klugen Ratschlägen. Sagt man zu einem: "Herr Doktor, immer wenn ich so mache, tut's weh!" bekommt man als Antwort: "Na, dann machen sie halt nicht so." Ginge ich zu einem Arzt und sagte: "Das Leben tut mir weh!" würde der wahrscheinlich sagen: "Dann leben Sie halt weniger." Was nun wirklich ein denkbar bescheuerter Ratschlag ist. Das ist doch total gähn. Schließlich soll man das Leben doch genießen. Den Tag pflücken, wie er einem vor die Füße fällt. So ein modern life sollte seinen Eventcharakter behalten. Ich will nicht nur da sein. Ich will Fun und Action und Erlebniskultur. Eines der Erlebnisse übrigens, dass mir mittlerweile seit gut einem Jahrzehnt konsequent vorenthalten bleibt, ist ein Mensch, der in beliebiger kommunikativer Situation das Wort "schmackofatz" benutzt. So geht unsere Sprache vor die Hunde. Dabei halte ich dieses Wort schon allein aufgrund seiner originären Beknacktheit für unbedingt erhaltenswert. Ein wohlfeiles Zäunchen sollte man um dieses und ähnliche Worte ziehen, mit Schildchen dran über Herkunft und Paarungsgewohnheiten, und Schulklassen sollten daran vorbeidefilieren und zum Abschied aus dem Worte-Erlebnis-Park die Aufgabe mitkriegen, all die schönen Vokabeln täglich zu benutzen und so etwas Nützliches zu tun. Genau das sollte man tun, und sei es nur, um "schmackofatz" vor dem Tode zu bewahren. Das ist irgendwie so schön uncool-retro-80er, nostalgischer Schulhof-Slang, den ich mangels Erlebniskultur im Erwachsenendasein in düsteren Momenten, die maßgeblich deswegen bereits als düster zu betrachten sind, schmerzlich vermisse. Aber wie sollte ich auch anders? Die Erlebniskultur ist tot. Vorbei ist es mit der bunten Vielfalt der Siebziger, dem coolen Understatement der Achtziger. Vorbei sind Wackersdorf und Miami Vice. Heutzutage verbreitet sich allerortens nur noch Langeweile. Immer dieselben Küblböck-Hackfressengesichter und ARD-Spendengala-Gutmenschen-Labereien, und Schriftsteller wie Douglas Adams fallen vor Grausen tot um wie die Fliegen, wobei ich zu meiner Schande, deren Größe ob meiner fundamentalen Unwissenheit und Lustlosigkeit, mich mit den Details dieses Universums näher zu beschäftigen, bereits als elefantös bezeichnet werden könnte, gestehen muss, noch nie eine Fliege tot umfallen gesehen zu haben, und ich bin wahrscheinlich nicht der einzigste. (Ja, ihr Germanistenerbsenzähler! Der einzigste! Nicht nur einzig! Das kann jeder. Das ist gähn. Einzigst! Das ist Fun und Action und Rebellion gegen gähn!) Fliegen sterben heimlich. Erst summen und brummen sie zu unserem so dringend nötigen Missvergnügen durch die Lüfte und erfreuen sich an ihrer offensichtlichen Sinnlosigkeit. Und irgendwann einen Tag später findet man sie auf der Fensterbank. Tot. Die Beine in die Luft gestreckt. Und keine Tatverdächtigen in der Nähe. Man sieht Fliegen fliegen oder liegen, aber niemals sterben. Kein einzigstes Mal sah ich eine Fliege ächzend zu Boden sinken oder auf der Fensterbank sitzend mit einem Herzversagen umkippen. Immer nur Fliegen oder Liegen. Sofern zwischen diesen beiden Zuständen eine Sterbe-Action stattfindet, so bleibt sie unserem Auge verborgen. Vielleicht kommt einfach, wenn mal gerade keiner hinguckt, ein kleiner rüsseliger Fliegengott, streckt seine haarige Klaue aus und dreht die Biester auf den Rücken und das war es dann mit Summen und Brummen und Krankheitserreger rumschleppen. Werden Fliegen eigentlich auch krank? Haben die dann auch Kopf- und Gliederschmerzen? Wird Fliegen auch mal übel? Und wenn ja: Wovon, um Gottes Willen? Ach, was weiß ich. Man befrage mich nicht. Ich habe vom Leben keine Ahnung. Vom Sterben übrigens auch nicht, wie ich soeben feststellen musste. Solcherlei abstruse Gedanken kommen einem übrigens ausschließlich, wenn man mit der S28 vom Kaarster Bahnhof nach Düsseldorf Flingern fährt. Wer das selbst schon mal getan hat, weiß auch warum. Es handelt sich um eine Bahnstrecke, die ich von der UNESCO gerne als nachweislich hässlichste und unspektakulärste des Planeten ins Weltkulturerbe aufgenommen wüsste. Was natürlich nicht passieren wird, weil die Welt eine Ungerechte ist. An die Germania zu Rüdesheim rollt die Politprominenz über Feldwege zwecks Weltkulturerbeaufnahmefestivitätsbeiwohnung, aber für all die ranzigen Planschbecken und unaufgeräumten Schreinerwerkstätten entlang der S28 interessiert sich natürlich wieder keine Sau, was allerdings angesichts unser stylish world auch nachvollziehbar ist. Mir persönlich ist die stylish world nur recht und billig, by the way. Dieses ewige Genörgel wider den schönen Schein geht mir auf den Keks. Warum sich mutwillig in provinzieller Hässlichkeit suhlen und die Ästhetik des Schlichten und Proletarischen propagieren, wo man es doch so viel schöner haben kann? Das Ganze High-Tech-Gebrumme und -Geplänkel hat schon seinen Sinn. Das war teuer und hat eine komplette abendländische Kultur gedauert, um es sich auszudenken, also finde ich es nicht verwerflich, wohlfeilen Gebrauch davon zu machen. Aber diese wohlstandsgesättigten Dumpflaberer machen ja alles mies. Eigentlich sollte man alle non-stylish-Nörgelfritzen dazu verdonnern, eine Weile lang zusammen mit zwei Dutzend rheinländischer Gärtnergehilfen und Lagerarbeiterinnen S28 zu fahren, und zwar ganz krass nonstop 24/7, damit sie den Wert des schönen Scheins und die Segnungen von Bildung, Kultur und Körperhygiene zu schätzen lernen. Denn S28 fahren ist definitiv nicht stylish und hat auch nur bedingt Eventcharakter, es sei denn, man fürchtet sich wirklich vor allem und jedem oder neigt zu Reisekrankheit beim Rückwärtsfahren. S28 fahren ist wie zwei Aspirin nehmen, weil man gesoffen oder der Arzt es gesagt hat: Echt dröge, klischeehaft und definitiv nicht schmackofatz. Düsseldorf von hinten, so irgendwie. Von vorne ist Düsseldorf ja schon echt stylish und total Metropole. Damit das so ist, musste man wohl einst alles Unmetropolenhafte irgendwie zusammenkehren, und das Kehrschäufelchen hat man offensichtlich sorgfältig entlang der S-Bahnlinie ausgekippt. Das Ergebnis ist eine optische Unerlebnisreise ? das architektonische Äquivalent zu einem Bukowski-Roman: Wäscheleinen in zwangsbegrünten Hinterhöfen, bierkistenverstapelte Balkone, fleckige Plastikstühle neben Autowracks, vergilbte Vorhänge usw. Und hinter jedem zweiten Fenster wird wahrscheinlich gerade gepoppt oder gesoffen oder gestorben oder alles auf einmal, auch um 7:28 morgens, oder geweint und rauchend aus dem Fenster gestarrt und tote Fliegen gezählt, falls das pralle Leben gerade anderweitig verweilt und sich vielleicht über die fehlende Sterbe-Action im Fliegenuniversum wundert oder auch nicht, denn wer noch nicht mal seine Vorhänge gewaschen kriegt vor lauter Saufen und Popperei, der merkt wahrscheinlich auch nicht, dass sich Massen von unter mysteriösen Umständen verstorbenen Musca Domestica auf der Fensterbank stapeln. Alles Ignoranten. Und da wundern sich die Herren Doktoren und Professoren, wenn einem das Leben weh tut. | |