| Szenekneipe? Weggegrillt! | |
An manchen Tagen mache ich mir Gedanken über Sachen, das gibt's gar nicht. Wenn ich merke, daß es wieder losgeht, dann setze ich mich meistens erstmal hin, schnaufe tief durch und denke mir: "Auweia! Ich mach mir wieder Gedanken über Sachen, das gibt's gar nicht!" Neulich zum Beispiel machte ich mir Gedanken darüber, warum ausgerechnet Pizza ein Gericht ist, das (von einigen unrühmlichen und wenig frequentierten Ausnahmen abgesehen) praktisch durch die Bank in Anwesenheit des Gastes zubereitet wird. Ich finde das seltsam. Schließlich käme kein anderer Gastronomiezweig auf die Idee, jenen infernalischen Krach, die unappetitlichen Instrumente und das unflätige Dahergerede, unter welchem Austernpudding und gesottene Nachtigallenzungen zubereitet werden, hinter einer Glaswand oder gar an einem offenen Tresen zur Schau zu stellen. Solcherlei Gebaren hätte schon sehr bald zu einem abrupten Aussterben der Gewohnheit geführt, am Wochenende zum Essen mal wo hin zu gehen. Am Wochenende mal wo hin zu gehen, ist übrigens eine drollige Sitte, welche m.E. hauptsächlich von Leuten praktiziert wird, die es mit sich zu Hause nicht mehr aushalten. Früher begab man sich höchstens einmal im Monat auf den Dorfanger oder in ein Wirtshaus, um die Heuernte zu feiern, oder irgendeine Hochzeit bzw. Beerdigung, oder um den Herrgott mal für eine Weile einen guten Mann sein zu lassen. Heutzutage hingegen drängelt es den modern Lebenden und Ausgehenden ständig in verrauchte Szenekneipen mit zweifelhafter Belegschaft, nur um Montags verkünden zu können, da und da sei wieder "tierisch was los" gewesen. Die Veranlassung für solche Äußerungen ist die simple Tatsache, daß sich etliche Dutzend oder gar Hunderte Menschen für eine Weile auf dem selben Stückchen Geographie zusammendrängelten wie man selbst, was ja bei anderen Gelegenheiten, im Supermarkt etwa, oder im ÖPNV, als eher störend empfunden wird. Höchst selten wird man jemanden treffen, der erzählt: "Boah, da ham wir den ganzen Abend auf einem Bein gestanden, weil für das andere kein Platz mehr war, und heiß und stickig war's, und zu trinken gab's auch nix, weil die Kellner nicht bis zu uns durchgekommen sind, außerdem war's so laut, daß ich mein eigenes Wort nicht mehr verstanden habe. Ich frag mich echt, was ich da eigentlich wollte." Statt dessen heißt es schlicht: "War tierisch was los!" Mysterium Mensch? Keineswegs! Ich möchte nämlich an dieser Stelle eine etwas radikale These wagen: In Wahrheit stinkt die meisten diese Weggeherei mächtig an. Die machen das nur, weil sie nicht wissen, was sie sonst machen sollen, würden das aber natürlich niemals zugeben. Eigentlich lebten sie alle viel lieber ein glückliches und erfülltes Leben, fernab von allem Mediengeklingel und -gebrumme. Sie würden die vergleichsweise Menschenleere ihrer eigenen vier Wände als höchstes Gut schätzen und verehren. Die Männer würden Nußbaumkommoden abschleifen, oder was die Natur sonst an Tätigkeiten für den Mann außerhalb der Fortpflanzung vorgesehen hat, und die Damen säßen in ihren Ohrensesseln, bestickten Topflappen mit religiösen Sinnsprüchen und machten sich kluge Gedanken über den Lauf der Welt, z.B. über die höchst geheimnisvolle Frage, warum es eigentlich keinen 2. FC gibt. "Seltsam", mag die stickende Dame so bei sich denken, derweil im Hintergrund schwielige Männerhände mit einem samtigen Geräusch über frisch geschliffenes Nußbaumholz streicheln, "gar viele Städte nennen einen 1. FC ihr eigen, doch in keiner Publikation, welche mir jemals nahe kam, wird ein 2. oder gar 3. FC erwähnt. Wie kommt denn sowas? Wurden Letztere durch die erdrückende Präsenz des bereits vorhandenen 1. FC eingeschüchtert, in eine Randexistenz gedrängelt und schlußendlich ausgemerzt? Oder hielt man es angesichts eines bereits vorhandenen 1. FC für überflüssig, überhaupt erst weitere ins Leben zu rufen, und nannte deshalb die sonstigen Zusammenschlüsse von Rasensporttreibenden lieber SpVgg oder auch Borussia, zur Erinnerung an jenen neulateinischen Namen für das gute alte Preußen, in welchem auch unsere schöne Nußbaumkommode hergestellt wurde? Wäre es aber in diesem Falle nicht semantisch richtiger, den entsprechenden Verein den Einzigen FC zu nennen?" Aber vielleicht würde sie das auch nicht denken. Solche Sachen fragt sich doch kein normaler Mensch. Wenngleich ich ja im Sich-Gedanken-Machen eher ein kleiner Fisch bin. Die NASA- Wissenschaftler z.B. haben ganz andere Sorgen. Amerikaner haben ja sowieso immer viel tollere und wichtigere Sorgen als alle anderen. Ihre neueste Sorge ist denn auch eine große und berechtigte: Die Erde wird untergehen! Kein Witz! Geht einfach so kaputt - weggegrillt von der Sonne, die irgendwann zu heiß wird. Und dann ist's vorbei mit Szenekneipen und Rasensport. Dann ist die Erde hinüber, und zwar schon balder als man denkt. In ca. drei Milliarden Jahren ist es soweit! Also am besten jetzt noch mal schnell was einkaufen vorm Weltuntergang... Trotz eines scheinbaren Mangels an Unmittelbarkeit bitte ich ausdrücklich um Panik: Drei Milliarden Jahre gehen immerhin schneller rum als man denkt! Die letzten drei Milliarden Jahre sind ja auch nur so vorbeigeflogen. Da ist es durchaus beruhigend zu wissen, daß die geistige Elite dieses Planeten bereits jetzt alle banaleren Larifari-Sorgen, die gewisse Subjekte evtl. als ein wenig aktueller benörgeln könnten, schlicht beiseite schiebt und sich mit den wirklich großen Fragen beschäftigt. Womit sie das Problem auf ihre ganz eigene Weise womöglich tatsächlich löst. Denn wenn der IQ-Club kollektiv über dem ach so nahen Planetenexitus brütet, vergißt er darüber jene Probleme zu lösen, die dafür sorgen, daß es in spätestens einhundert Jahren sowieso keine Menschheit mehr gibt, über deren Vernichtung man sich Gedanken machen müßte. Das nenne ich konsequentes Denken bzw. das Problem bei der Wurzel zu packen: Ohne Menschheit ist der Untergang derselben ein zu vernachlässigendes Problem. Und die versammelte Tierheit und Pflanzenheit bzw. eigentlich der gesamte Kosmos an sich wird wahrscheinlich erstmal entspannt durchatmen, von der Erde ganz zu schweigen. Die wird dann sagen: "Siehste? Aussitzen geht auch!" Hat sie dann doch erfahren, daß man sich einen wirklich fiesen Fall von Homo Sapiens zuziehen kann und sich das Problem nach einer gewissen Weile durchaus von selbst erledigt. Und ab sofort: Täglich neun Milliarden Tropfen Echinacea gegen eine Neuansteckung! Und sollte die Menschheit sich wider Erwarten doch noch mal aufrappeln, bitte ich darum, beim Neuaufbruch nicht nur den Krieg und das Geld zu verbieten, sondern auch dafür Sorge zu tragen, daß eine Pizza, genau wie jedes andere Tellergericht auch, gefälligst hinter verschlossenen Türen zubereitet wird. Wir sind doch hier nicht in Japan! | |