Schluss mit Krabbelgruppengeschwätz!

Nur zu gerne möchte ich behaupten können, zu den letzten Kolumnen Unmengen von Briefen aufmerksamer Leser erhalten zu haben, in denen sie dies und jenes bekrittelten und so Stoff für neue Texte und/oder Anekdoten lieferten. Habe ich aber nicht, also kann ich's nicht. Offenbar gehören meine Leser nicht zur aufmerksamen Sorte. Oder auch zu jener Sorte, die vielleicht aufmerksam lesen, es aber niemandem sagen und erst recht keine Briefe hinterher schreiben. Das ist aber auch nicht weiter tragisch. In Leserbriefen steht ohnehin nur selten das, was man gerade braucht, wenn man sich erstmal vorgenommen hat, einen Text mit den Worten "Ein aufmerksamer Leser schrieb mir..." zu beginnen, sondern statt dessen lauter Zeug, das man gar nicht hören will oder das einen bloß in Schwierigkeiten bringt, sobald man sich genauer damit befaßt.
So verwickelte mich einst ein offenbar leicht verwirrter Leser in eine Diskussion darüber, wie ich meine Texte bzw. auch meine Person an sich noch effektiver mit der an diversen Stellen angekündigten politischen Inkorrektheit versehen könnte. Er schlug mir u.a. ernsthaft vor, ich solle doch Besserverdienende an der Bushaltestelle anpinkeln und gegen Schwangerschaftsgymnastik polemisieren. Nun, als Schreibender habe ich ja gewissermaßen die Pflicht und Verantwortung, mich mit den Wünschen und Sorgen der Lesenden auseinanderzusetzen, also setzte ich mich hin und auseinander und grübelte, was ob dieser Beschwerde zu unternehmen sei.
Menschen an Bushaltestellen anzupinkeln, ganz gleich, wieviel sie verdienen, schien und scheint mir keine besonders erstrebenswerte Tätigkeit zu sein. Zudem bestand im Durchführungsfall eine gewisse Aussicht auf böse Worte oder gar Handgreiflichkeiten. Soviel an Verrohung und körperlichen Widrigkeiten war mir eine Feldforschung in Sachen Leserfeedback dann doch nicht wert. Das Polemisieren gegen Schwangerschaftsgymnastik hingegen schien mir einfach und im Vergleich zu öffentlichen Urinieraktionen auch vergleichsweise ungefährlich, weshalb ich beschloß, in dieser Richtung einige zaghafte Versuche zu unternehmen.
"Liebe Mitmenschen", begann ich daher nun bei allen sich bietenden Gelegenheiten zu polemisieren, "ich möchte nicht unerwähnt lassen, daß ich Schwangerschaftsgymnastik für vollkommen überflüssig halte. Immerhin ist es den Frauen etliche Jahrhunderttausende hervorragend gelungen, ohne solcherlei Firlefanz Kinder in die Welt zu setzen. Wären Schwangerschaftsgymnastik und ähnlicher Schnickschnack essentielle Voraussetzungen zur Fortpflanzung, würden alle Frauen per Evolution mit einem in Uterusnähe angebrachten Gymnastikratgeber ausgeliefert. Werden sie aber nicht. Die Evolution selbst scheint offenbar eine Gebärmutter, robuste Gesundheit und ein bißchen gesunden Menschenverstand für völlig ausreichend zu erachten." Und die Mitmenschen nickten oder brummten wohlwollend oder taten anderes, um meiner Polemik die entsprechende Zustimmung zuteil werden zulassen.
"Demzufolge", polemisierte ich daher munter weiter, "sind Schwangerschaftsgymnastik und artverwandte neumodische Verrichtungen generell als Luxus bzw. Humbug zu betrachten, bestenfalls als Plotdevice für uninspirierte amerikanische Sitcoms, die komödiantischen Nutzen aus dem männlichen Unwillen zur Teilnahme an o.g. Tätigkeit ziehen, um die Lücken zwischen den Werbepausen zu füllen. Ganz zu schweigen vom weiblichen Unwillen zur Teilnahme an irgendwelchen schwangerschaftsspezifischen Humbugtätigkeiten, welcher allerdings nur selten im Fernsehen thematisiert wird."
Eine diesbezügliche kurze Umfrage unter bereits fortgepflanzten BekanntInnen hatte nämlich eine sehr interessante und für die in der Regel männlichen So-ist-man-auf-korrekte-Weise-schwanger-Ratschlägegeber höchst niederschmetternde Erkenntnis zutage gefördert: Frauen haben im Allgemeinen von dem ganzen Gedöns die Nase ziemlich voll. Ewig Bücher kaufen und zur Gymnastik rennen und über Windeln und Strampelanzüge diskutieren und Krabbelgruppen gründen, in welchen man mit anderen Frauen darüber diskutieren kann, wie unheimlich blöde das ewige Ratschläge von Männern kriegen und Bücher kaufen etc. eigentlich ist, und daß man bzw. frau eigentlich auch mal ganz gerne über Fußball oder Breitreifen oder sowas reden würde, und daß sie außerdem als Frauen schon von Natur aus verdammt noch mal am allerbesten wüßten, wie frau ein Kind zur Welt zu bringen hat und deshalb ihre Zeit auch durchaus mit anderen Tätigkeiten verbringen könnten, z.B. Einkaufen. Durch meine Fragerei angeregt, erwägten einige sogar spontan die Gründung einer Bürgerinitiative. Geplanter Titel: "Schluß mit Krabbelgruppengeschwätz! e.V." Da hab ich ja was angerichtet. Kaum polemisiert man mal ein bißchen, und schon stößt man allerortens auf Zustimmung. Mit furchterregendem Ergebnis: Aufstand der Gebärenden, Pleiten in der Schwangerschaftsbuchindustrie und ähnlicher Unbill bricht unerwartet über die Bevölkerung herein. So was kommt dabei raus, wenn man Leserbriefe ernst nimmt...
Bevor ich also weitere gesellschaftliche Katastrophen heraufbeschwöre, tue ich doch viel lieber das in dieser Situation einzig Sinnvolle und beuge mich der Erkenntnis, daß man sich die wirklich brauchbaren Leserbriefe besser selbst schreibt. Und wer jetzt sagt: "Das ist aber gemogelt!" dem kann ich nur sagen: "Ich habe diese meine Kolumnen mit Sicherheit öfter gelesen als jeder andere. Wenn also jemand das Recht hat, einen Leserbrief zu verfassen, dann ich. Punktum!" Gesagt, getan. Ich schreibe mir also selber einen Leserbrief, lese ihn sogleich, und kann nun endlich mein oben erwähntes Vorhaben in die Tat umsetzen, indem ich folgendes schreibe:
Ein aufmerksamer Leser (sic!) schrieb mir bezüglich der "Dicksten Dinger"-Milchtütenkolumne:
"Lieber Herr Kolumnist" schrieb er, "ich möchte Ihnen eine Frage fragen, die mir darum geht: Wenn Sie das schon alles wissen tun mit Ökonomie und den dicksten Dingern und so, warum sind Sie dann nicht schon längst Millionär, Sie Aufschneider? Mit freundlichen Grüßen: Ein aufmerksamer Leser."
Ein guter Leserbrief, oder nicht? Authentisch. Kritisch. Kontrovers. Wie schön wäre mein Dasein, bekäme ich nur öfter solche Post? Wahrscheinlich nicht so besonders. Da ist es nur gut, daß ich mir solche Post selber ausdenken muß, um sie zu bekommen. Nun aber ist dieser Leserbrief da, erhebt sein häßliches Haupt und offenbart zudem ein logisches Dilemma: Wenn ich doch jetzt schon weiß, wo's langgeht und auf das Intimste vertraut bin mit den Wunderlichkeiten der New Economy, warum ziehe ich nicht meinen Nutzen daraus? Ich bräuchte doch lediglich meine Website umzubenennen in "Die klicksten Dinger", dort nur noch die 5 witzigsten Werbebanner des Tages zu zeigen, evtl. mit einem kleinen Kommentar über das sich abzeichnende "Klick mich, du Sau!"-Revival im Erotik-Sektor, und wenn in der Neuen Ökonomie auch nur irgendeine Logik verborgen ist, müßte alsbald auf meiner Seite ein solcher Surfer-Ansturm herrschen, daß ich die Fläche rund um die witzigen Werbebanner für viel Geld an nicht ganz so witzige Werbebanner vermieten könnte, und schnurstracks ermöglichten mir selbige einen Lebenswandel, bei dem ich Schwierigkeiten hätte, mich zu den Nutten und dem Sekt durchzukämpfen, wegen all der Goldbarren und Kokainsäcke, die sich auf meinen Luxusjachten stapelten. Als Leserbriefschreiber oder auch als einfach nur Lesender jedoch hinterher nix Schreibender könnte man sich nun also mit Fug und Recht fragen, warum ich diesen Schritt trotz all der offensichtlichen Vorteile nicht schon längst unternommen habe. Und die Antwort lautet natürlich: Weil ich Kokain nicht ausstehen kann. Falls Sie jedoch der Meinung sind, ich hätte trotzdem ein wenig Luxus verdient, dann übersenden Sie mir bitte zu statistischen Zwecken Ihre Kreditkartennummer. Der erste Einsender gewinnt eine vergoldete Kaffeetasse mit einem hübschen Logo drauf, die nächsten 555 den Soundtrack zur Kolumne. Viel Glück!