Ich, Spinoza und das Douglas-Adams-Gedenkbrathähnchen

Zunächst ein kleiner Nachtrag zur letzten Kolumne: Intermarché, unser aller französischer Lieblingssupermarkt, hat inzwischen das Milchtütenverschwörungsproblem in seiner ganzen Tragweite erkannt und auf seine eigene Weise gelöst, indem dort einfach überhaupt keine Milchtüten mehr ins Kühlregal gestellt werden, jedenfalls nicht zu den Zeiten, zu denen sich Kunden dort aufhalten. Nichtsdestotrotz bzw. gerade deswegen hat die Beziehung zwischen mir und dem gallischen Zwischenmarkt allmählich ein extrem frostiges Stadium erreicht - inzwischen erwäge ich, die diplomatischen Beziehungen zu diesem Teil Frankreichs endgültig abzubrechen. Und da wir sowieso gerade bei schlechten Nachrichten sind: Douglas Adams ist kürzlich verstorben!
Angesichts einer solch düsteren Weltlage spuken schon mal höchst unerquickliche Fragen durch das entgeisterte Großhirn, z.B. "Warum zur Hure Babylon riecht es in meinem Badezimmer nach Brathähnchen?" oder auch "Aus welchem dreimal verzarkten Finger sauge ich mir denn jetzt bloß auf die Schnelle eine Douglas-Adams-Gedenk-Kolumne?"
Auweia! Ich sehe bzw. höre schon: Verzweiflung, Chaos und endzeitbedingtes Zähneklappern allerorten. Da hab ich ja was angerichtet mit meiner Fragerei. Na gut. Ich bin einsichtig. Das mit der Gedenkkolumne ist zwar ein netter Anfang, aber ansonsten eine echte Scheißidee. Zum Glück habe ich neulich noch erfahren, entscheidend bei einem Text seien ohnehin nur der Anfang und der Schluß, was dazwischen passiere, sei von eher sekundärer Bedeutung. Na dann! In so einem Fall ziehen wir uns doch jetzt einfach unauffällig aus der Affäre, z.B. mit einem möglichst schnellen Szenenwechsel. Also:
Szenenwechsel. Ein verträumter, in italienischer Sonne vor sich hin dösender Provinzbahnhof. Gefälliger Duft nach Zedern und Lavendel, untermalt vom Zirpen einiger Zikaden. Eine Bildunterschrift unterrichtet uns darüber, daß es sich um "Die Toscana, 1652 - später Vormittag" handelt. Auf einer Holzbank an Gleis 1 sitzt der junge holländische Philosoph Baruch de Spinoza, schaukelt ein Notizbuch auf dem Knie und ärgert sich darüber, daß es noch so lange hin ist, bis er der bedeutendste Systematiker des Rationalismus und Pantheismus wird. Als solchen, so hofft er jedenfalls, werden ihn eines fernen Tages die Lexika titulieren, und wie wir wissen, hat er damit ja gar nicht so unrecht. So sitzt er also da, in der Sonne, und grübelt neben all dem rationalistischem bzw. pantheistischem Kram vielleicht auch darüber, was sich wohl gerade in seiner Studenten-WG im fernen Holland abspielen mag bzw. was wohl an jenen Tagen los ist, wo er eigentlich mit dem Abwasch dran wäre, und wie sehr ihm die Grachten fehlen, trotz der idyllischen Sonne und dem Zikadenduft und Zederngezirpe, aber er brauchte diesen Urlaub dringend, einfach mal raus, Neues sehen, hören, riechen und den Traum vom bedeutendsten Systematiker voran bringen...
Was die Lexika übrigens kollektiv verschweigen, sind die Dinge, welche auf Spinozas langem Weg zum bedeutendsten Systematiker auf der Strecke geblieben sind. Zum Beispiel der berüchtigte "Tractatus Mythologicus Urbanus oder Was ein Menschenkinde thuen möge, so es sich selbst beim Rumerzählen urbaner Mythen ertappet, zum Beispiele die blöde Geschichte mit der Tarantel in den Bananen oder gar jene mit der Handy-Attrappe beim Cabrio-Fahrer". In diesem weitgehend unbekannten und schon zu seinen Lebzeiten wenig beachteten Traktat standen höchst absonderliche Sachen. Beispielsweise schlug er vor, man möge sich zu Bußezwecken mit einem Brathähnchen ins Badezimmer setzen und dem Nachbarn in der Wohnung obendrüber zuhören, wie er sein Geschirr in der Badewanne abspült.
Das mit dem Geschirr in der Wanne ist m.E. übrigens auch so ein urbaner Mythos. Immerhin kennt praktisch jeder einen oder eine, der oder die schon mal in so eine total verdreckte Studentenwohngemeinschaftsbude reinkam, wo alle Haschisch rauchten, und überall subversive Bücher und Rudi-Dutschke-Poster und Che-Guevara-Poster und "Don't walk on it - smoke it!"-Poster an allen Wänden. Und dann - als normaler Mensch macht man sich da ja keine Vorstellung von - begibt man sich aus den einschlägigen Gründen ins Badezimmer, und ebendort, in der ohnehin nicht besonders sauberen Badewanne, stapelt sich der Spül von vier Wochen. (Die meisten fügen an dieser Stelle ein "Uääääch!" oder ähnliches ein, um zu unterstreichen, wie eklig das ist!) Und während man noch mit dem Betrachten des eingetrocknet-bräunlichen Geschirrstapels und dem dazugehörigen Sich-Grausen beschäftigt ist, kommt einer dieser unsäglichen Studentenflegel herangelümmelt, ergreift einen Holzknüppel, wohl für den Fall, das irgendwas im Geschirrstapel nicht sofort richtig tot geht, beginnt dann damit, das Geschirr erst abzubrausen, dann einzuschäumen und einzuweichen und schließlich mit dem Holzknüppel umzurühren und dabei subversive Geschirrumrühr-Lieder zu singen, wie sie wohl nur in einer solchen von Freidenkertum geschwängerten Atmosphäre entstehen können. Anschließend wird noch mal abgebraust, mit dem Fön trocken gepustet und gar nicht erst wieder in den Schrank geräumt, weil man sich die Teller ja genausogut aus der Badewanne nehmen kann und Küchenschränke bekanntermaßen Knechtinstrumente des Establishment darstellen.
Wer sowas schon mal erlebt hat, fand das ziemlich schlimm, und die zugehört haben, nicken und finden es ebenfalls schlimm, weil was schlimm zu finden mittlerweile schon fast ein Breitensport ist. "Beate Uhse", rufen z.B. noch immer viele, "echt schlimm!" Oder auch: "Tennissocken! Total schlimm!" Dazu sei lediglich gesagt: Menschen, die Beate Uhse immer noch schlimm finden, ist nicht mehr zu helfen. Glücklicherweise sind sie in den meisten Fällen so alt, daß sie ohnehin bald wegsterben und damit Platz machen für eine neue und hoffentlich bessere Generation. Von Menschen, die Tennissocken schlimm finden, kann man hingegen nur hoffen, daß sie ungeachtet ihres Alters ebenso flugs dahingerafft werden wie die Beate-Uhse-Schlimmfinder, auf daß die Welt gereinigt werde von ihrem schändlichen, geistige Verschrumpelung und Menschenfeindlichkeit offenbarenden textilen Snobismus und in den Köpfen der Gemeinde wieder Platz sei für wichtigere Dinge, die man schlimm finden kann, z.B. daß Jürgen Drews mittlerweile wirklich überall zu sehen ist, oder die rücksichtslose und fanfeindliche Ausstrahlungspraxis, die Sat.1 bei "Star Trek" an den Tag legt. Das ist echt total schlimm!
Just in diesem Moment aber erhebt sich der noch immer im Szenenwechsel sitzende Spinoza von seiner Bahnhofsbank. Er ist inzwischen erheblich älter und weiser, und seine Knie knarzen, als er aufsteht, ein papierenes Geräusch, das sich anhört, als wendeten achttausend Studenten gleichzeitig ihre wegen WG-Haschischrauch-Verkrustung in der Badewanne eingeweichten "Don't walk on it - smoke it!"-Poster mit einem hölzernen Prügel, auf daß die ollen Parolen wieder hübsch flauschig und revolutionär werden. Der alte Spinoza läßt die Knie wohlig zu Ende knarzen, tritt dann ganz nah an die Kamera und erhebt einen tadelnden Zeigefinger: "Enthaltet Euch gefälligst jeglichen Schlimmfindens" mahnt er krächzend, "denn wisset: Ein jedes Ding beweist die Berechtigung für sein Dasein bereits allein dadurch, daß es existiert."
So sprach er, und so steht es geschrieben. So lasset uns zum Abschluß gemeinsam gedankenspielen, daß es durchaus schon morgen eine Welt geben könnte, in der das Zusammenschlagen von Jürgen Drews ein Breitensport ist, und wegen Spinoza darf das dann auch niemand schlimm finden.

PS: Eine Beliebtheit, welche jener des Was-Schlimm-Findens in etwa gleichkommt, können m.E. lediglich noch folgende aktuell angesagten Freizeitaktivitäten vorweisen:
"Tour de France gucken und total spannend finden" sowie "Dumme und nichtskönnende Pseudo-Kult-Prominente vom Typ Verona Feldbusch für ihre offensichtliche Cleverness bewundern".

PPS: Ich finde, es gibt Schlimmeres.

PPPS: Aber nicht viel.