| Akte Dingsbums: Nicht alle dicken Dinger sind Milchtüten, aber manchmal schon! | |
Achtung! Dies ist eine ganz besondere Kolumne. Die meines Wissens nach derzeit einzige auf diesem Planeten nämlich, die einen speziellen Soundtrack erfordert. Weil es darin um eine Verschwörungstheorie geht. Und für sowas benötigt man bekanntermaßen einen angemessenen Geheimnisrausfindsoundtrack. Wenn Sie also jetzt gerade vor der Kolumne sitzen, dann lesen Sie bitte nicht weiter, bevor Sie nicht in ein CD-Geschäft rübergegangen sind und sich einen Geheimnisrausfindsoundtrack besorgt haben. Es sei denn natürlich, Sie haben schon einen. Dann brauchen Sie jetzt nicht noch mal extra. Dann können Sie auch einfach den schon vorhandenen Geheimnisrausfindsoundtrack in den CD-Player schnurren lassen, und schon kann's losgehen mit der Kolumne: Ich stehe also neulich am Intermarché-Kühlregal. Noch ahne ich nicht, daß ich kurz davor stehe, eine globale Verschwörung aufzudecken. (Im Soundtrack fiept zierliches Expositionsgezumpel.) Plötzlich taucht aus dem berüchtigten Nichts gleich einer Agentin des Geheimnisvollen und Unheilverkündenden eine Frau auf und stellt mir unvermittelt eine nur scheinbar unscheinbare Frage: "Tschuldigung, junger Mann", tönt sie forsch, "aber diese Milchtüten da..." Sie fuchtelt mit dem Zeigefinger in Richtung der einen von zwei feilgebotenen Milchsorten. "...kosten einsneunundvierzig und die anderen da..." Fuchteln in geringfügig andere Richtung. "...nur einsneunzehn. Wissen Sie denn, was da jetzt der Unterschied ist?" (Erstes dramatisches Wimmern im Soundtrack!) Ich gucke erstmal irgendwie so und sage gar nix, völlig perplex ob dieser unerwarteten Herausforderung. Ich kann ja schließlich jetzt nicht einfach irgendwas sagen. Vielmehr bin ich als Satiriker gewissermaßen verpflichtet, auch und gerade in solchen Alltagssituationen Witziges zu erwidern, das zum Nachdenken anregt und folgenden Generationen dazu gereicht, nicht mehr allzu Übles über unser Zeitalter zu denken. Schön wäre es daher, könnte ich behaupten, folgendes gesagt zu haben: "Tja, aber natürlich weiß ich das, Gnädigste! Dazu bin ich schließlich da, solche Dinge zu wissen! Das ist nämlich so: Die eine Milch da ist deswegen dreißig Pfennig teurer, weil bei ihrer Herstellung unendlich viel mehr Mühe aufgewendet wurde als bei der anderen. Die jene teure Milch liefernden Kühe stehen nämlich nicht etwa in dreckigen, zugigen Ställen, sondern haben klimatisierte Einzelzimmer mit Kabelfernsehen und Plüschdecken auf dem Sofa und einen eigenen Aromatherapeuten, und auch die Milch wird nicht etwa mit grober maschineller Gewalt aus ihrem schutzlosen Euter herausgesogen, sondern von den zarten Händen dänischer Jungfrauen liebevoll herbeigestreichelt. Solcherlei Firlefanz hat natürlich seinen Preis." Ja, die Welt wäre aus mehreren Gründen ein schönerer Ort, wenn dies die Antwort wäre. Ist sie aber nicht. Und weil wie gewöhnlich meine Kommunikationsphalanx inklusive Großhirn für die Dauer des Einkaufes auf Standby geschaltet ist und einfach nicht schnell genug in den ersten Gang kommt, begehe ich eine Verzweiflungstat und sage statt dessen: (Der Soundtrack brummt in klebrigem Suspensegewaber.) "Äh, ja. Genau dreißig Pfennige!" Von wegen Satiriker! Ein erbärmliches Nervenbündel, das ist es, was ich bin. Auf dem Parkplatz beruhige ich mich dann doch soweit, daß ich wieder einen klaren Gedanken fassen und immerhin noch der mutmaßlichen Wahrheit auf die Spur kommen kann: Der Grund für die Preisdifferenz ist natürlich der, daß die eine Firma regelmäßig TV-Werbespots bezahlen muß und die andere nicht. Puh! Warum nicht gleich so? Auf dem Weg zum Einkaufswagenzusammenschiebeställchen fällt mir dann auf, daß damit ja im Grunde jeder Fernseherbesitzer, der die teure Milch kauft, gleich zweimal verarscht wird: Er wird nicht nur beim Fernsehgenuß ständig von Werbespots gestört, sondern hat als Teuermilchtrinker ebendiese Störung auch noch selbst bezahlt! Ha! Von wegen Free-TV! Das ist wohl eher Teuer-TV, noch dazu von der unverschämtesten Sorte! Nun mag man sich natürlich die absolut berechtigte Frage stellen: "Wenn das so ist, und es ist ja erschreckend offensichtlich, daß das so ist, wieso zur Hure Babylon sollte dann noch irgend jemand, der bei klarem Verstand ist, die teure Milch kaufen?" Wer sich das fragt, der möge bitte genau jetzt ganz kurz im Kopf die Zahl derer überschlagen, von denen er annimmt, daß sie jederzeit vollkommen klaren Verstandes das Weltenrund durcheilen, die selbe deprimierend niedrige Zahl rausbekommen, die ich dabei ständig rausbekomme, daraufhin seine Einwände in den Wind schlagen und mir fortan ohne weitere Nörgeleien durch den restlichen Verlauf der Kolumne folgen, in der jetzt gleich eine echt tolle Überleitung zur Verschwörungstheorie kommt. (Erneut dramatisches Wimmern im Soundtrack!) Die Verschwörungstheorie geht nämlich so: Dahinter steckt ein genial ersonnener Dressurakt, mittels dessen die Bewohner der Zivilisation zu dem Irrglauben erzogen werden, teure fernsehbeworbene Milch sei irgendwie besser als die schnöde billige Einfach-nur-so-Milch. Und er funktioniert! Nach einer Weile können besonders gelehrige Konsumenten sogar aus dem Stand heraus argwöhnen, bei billiger, nicht beworbener Milch gehe nicht alles mit rechten Dingen zu, z.B. falle hin und wieder ein Zeigefinger in den Tankwagen und überhaupt seien bei ihrer Herstellung grundsätzlich irgendwelche finsteren Menschen mit verdächtigen Schnurrbärten beteiligt... Noch während ich mich stirnrunzelnd frage, wie man solches wohl bewerkstelligt, ohne Unmut zu erregen, wird mir klar, daß wir hier immerhin in einem Land leben, in welchem ein Fernsehsender wie RTL2 zahlreiche Menschen problemlos in Lohn und Brot setzen kann, einfach indem er regelmäßig Sendungen wie... (Der Geheimnisrausfindsoundtrack jauchzt jetzt in höchsten Tönen!) ..."Die dicksten Dinger" abspult! Heureka! Da haben wir des Pudels respektive der Verschwörungstheorie üblen Kern: Eine Fernsehsendung, die sich nicht etwa, wie der Name vermuten läßt, mit der Zurschaustellung der üblichen weiblichen Milchtüten-Anatomie beschäftigt, sondern vielmehr - Aufpassen jetzt! - mit dem Abspielen von Werbespots! Ja! Sie haben sich nicht verlesen: Eine einstündige Sendung, in der die Werbespots zwischendurch von anderen Werbespots unterbrochen werden. Und es gibt unleugbar nicht gerade wenige Menschen, die sowas tatsächlich als Unterhaltung betrachten, was ich zwar für eine wenig erstrebenswerte, dafür aber um so faszinierendere Fähigkeit halte. Offenbar muß man in einer bestimmten Weise gestrickt sein, in der ich nicht gestrickt bin, um das zu können. Aber vielleicht man muß auch einfach nur ganz viel üben, will man die Herabwürdigung vom Menschen zum Konsumenten zur amüsanten Teilnahme an einem ökonomischen Gesamtkunstwerk uminterpretieren, z.B. indem man jedesmal bedenkenlos sowohl nickt als auch glaubt als auch nachplappert, wenn irgendein pseudowichtiger Unsere-urbane-Kultur-total-gut-Finder behauptet, Werbespots seien ja "irgendwie Kunst, quasi Minidramen, von allem überflüssigen Ballast befreite Kleinkunstwerke und ergo beeindruckendes Ausdrucksmittel unserer modernen Kultur blablabla". In Wahrheit sind Werbespots natürlich nach wie vor die guten alten schändlichen kleinen Machwerke und obszönen Agenten einer völlig enthemmten Ökonomie auf Marketingkreuzzug, die sie schon immer waren. Man darf es nur nicht vergessen, das ist der ganze Trick. Sonst haben wir bald, am Ende eines wahrhaft beeindruckenden globalen Dressuraktes, tatsächlich einen Planeten voller aufrecht gehender Säugetiere, die Geld dafür bezahlen, Werbespots angucken zu dürfen. Ich persönlich jedenfalls halte so etwas für durchaus vermeidenswert. PS: Sie können den Geheimnisrausfindsoundtrack jetzt getrost abstellen. Die Kolumne ist zu Ende. | |