| Oben ohne im Garten Eden? Ein irrtümlich offener respektive versehentlich geöffneter Brief an Fräulein Alyssa Milano aus Amerika | |
Sehr geehrtes Fräulein Milano, vor einer Zeit, die man inzwischen durchaus als geraum bezeichnen kann, kaufte ich mir mal so ein Männermagazin. Der Grund war, daß Sie auf dem Titel drauf waren und irgendwie schnuckelig aussahen und Männer nun mal so sind. Angenehm überrascht stellte ich fest, daß innendrin noch mehr Bilder von Ihnen drin waren, zusammen mit einem bißchen Text, für jene Männer, die so modern sind, daß sie lesen können. Als moderner Mann guckte ich natürlich nicht nur die Bilder sondern las auch den Text und erfuhr dabei erstaunliches. Zum Beispiel, daß Sie Ihre Gartenarbeit grundsätzlich oben ohne verrichten. Nicht nur ohne Hut, sondern quasi nackig, zumindest oben rum. Das finde ich nett von Ihnen. Nicht nur für Ihre Nachbarn, sondern auch für den Kanon von Dingen, mit denen sich mein Kleinhirn beschäftigen kann, während der Rest von mir auf den Bus wartet. Und gar niemals nicht kämen mir dabei Worte wie "abartig", "skandalös" oder gar "Satansbrut" und ähnliches in den Sinn. Dummerweise sind Sie jedoch aufgrund Ihres Wohnortes mit Landsleuten geschlagen, denen ebensolche Worte praktisch die ganze Zeit über in den Sinn kommen und die überhaupt wegen jedem Fliegenschiß gleich ein Riesenfaß aufmachen, weshalb Sie zwecks amerikanisch notwendiger Rechtfertigung fast trotzig hinzufügten: "Der Anblick eines nackten Körpers ist etwas sehr natürliches und schönes." Das zu sagen finde ich zwar ebenfalls sehr nett von Ihnen, allerdings auch ziemlich problematisch. Okay, sicher ist das gut gemeint und so, nur leider lassen Sie dabei völlig außer Acht, daß der statistisch maßgebliche Teil der Menschheit im Gegensatz zu Ihnen mit einem eher durchschnittlichen Körper ausgestattet ist, ja, daß unter ihnen Exemplare wie ich gar eine Physiognomie mit sich herumschleppen, welche geeignet ist, Backsteine und Reiterstandbilder zu Tode zu erschrecken, kurz gesagt: Individuen, von denen man sich wünschen würde, daß sie sich von Ihren naiven Worten besser nicht zu irgendwas Unaussprechlichem ermuntert fühlen. Für mich z.B. gibt es eine Menge Gründe, keine Oben-ohne-Gartenarbeit zu verrichten. Ein Grund ist natürlich, daß ich keinen Garten habe. Ein weiterer wäre der, daß selbst Pflanzen gewisse Rechte haben - so ästhetisch gesehen. Von meinen Nachbarn ganz zu schweigen. Also: Kein Oben-ohne-Gärtnern für mich. Besser ist das. Und neben mir - diese unschöne Information erlaube ich mir in Ihr von wohlgemeinten Idealen und heiterem Philanthropentum überquellendes Weltbild skrupellos hineinzupflanzen - gibt es auch noch jede Menge andere Gattungsgenossen, die man ebenfalls nicht unbedingt ermutigen sollte, irgendwas oben ohne zu machen, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Viele von denen tun es natürlich trotzdem. Beispielsweise der Bierbauch von gegenüber, der immer ohne Hemd sein Auto wäscht - ein Anblick, der mich regelmäßig wünschen läßt, ich hätte einen Garten, in den ich mich zurückziehen könnte von der Welt und ihren zahllosen unwillkommenen Oben-ohne-Aktivitäten, um mich in Ruhe der Frage zu widmen, warum all jene Leute, die es sich definitiv erlauben könnten, irgendwelche Sachen oben ohne zu machen, dies grundsätzlich woanders tun. Wenn ich so darüber nachdenke, könnte ich Sie eigentlich genausogut einladen, dort die Gartenarbeit zu verrichten, angezogen oder nicht, auf daß ich der ganzen lästigen Gärtnerei fürderhin entsagen und statt dessen zur örtlichen Bibliothek pilgern kann, um herauszufinden, was Nietzsche übers Oben-ohne-Geschirrspülen zu sagen hatte. Ich bin sicher, er hatte eine Meinung dazu, und wahrscheinlich war es eine drastische, denn so viel ich weiß, hatte Nietzsche zu praktisch allem irgendeine drastische Meinung, auch ungefragt, weshalb ihn auch keiner so recht leiden mochte, außer vielleicht Lou Salomé, aber die hat bekanntlich nie Geschirr gespült, weil sie fortschrittlich war und so, aber hätte sie es getan, dann wahrscheinlich sogar völlig nackt bzw. hätte sie flugs ihr eigenes Männermagazin gegründet, in dem viel mehr Text drin gewesen wäre als Bilder, und auf den Bildern hätte man lauter fortschrittliche Frauen nackt oder auch angezogen beim Geschirrspülen und Bücher schreiben und Blumen pflanzen und Verteidigen der Frauenrechte gesehen, und vielleicht noch die Herausgeberin selbst, wie sie Nietzsche mit einer Peitsche dazu zwingt, nackt die Vorhänge abzusaugen, so toll ging es zu in jenen Zeiten, aber davon wissen Sie, geehrtes Fräulein Mailand, als gebildete Kosmopolitin, wahrscheinlich besser Bescheid als ich, auch wenn Sie, wie Sie selbst zugeben, noch nicht mal eine Kanne Kaffee kochen können, aber dafür haben Sie ja ganz andere Qualitäten, von denen sich die meisten nur schwerlich in Worte fassen lassen, weshalb die Erfindung der Fotografie ja auch eine so nützliche ist. Der furchtbar langen Rede kurzer Sinn sei also folgender: Eine augenzwinkernde Kritik an der naiven und gedankenlosen Art, mit der Sie durch ihre Äußerungen nicht nur die Jugend sondern auch und gerade das wohlgenährte Alter zu gewissen unästhetischen Handlungsweisen aufhetzen, sowie die Bitte, bei zukünftigen Appellen an die Menschheit ein wenig mehr sprachliche und gedankliche Sorgfalt walten zu lassen, schon aus Gründen der inneren Sicherheit. Bekanntlich erhält der menschliche Körper erst im Auge des Liebenden Vollkommenheit. Für alle anderen war die Vertreibung aus dem Garten Eden ein dankenswerter Schritt, zumindest insofern er die Verwendung von Textilien betrifft. Im Paradies auf Erden sollte doch bitteschön jeder, bei dem dies nötig ist, auch was anhaben. Und sollte der Menschheit irgendwann doch noch die Rückkehr in den Garten Eden gelingen, so halte ich es für durchaus wünschenswert, daß dort nur wohlgestalte Menschen Ihres Formates gänzlich unbekleidet Schnittlauch pflanzen und Salatbeete harken, denn was wäre denn das für ein Paradies, wo alle Leute so aussehen wie ich und dauernd ihre Autos waschen? In Anbetracht der soeben gewonnenen Erkenntnisse stimmen Sie mir hoffentlich zu, daß Ihre Aussage nach einem kleinen aber entscheidenden Addendum verlangt, wenn sie denn bedenkenlos in die Annalen der Menschheit bzw. die Satzung der UNO eingefügt werden soll. Mein Vorschlag wäre folgender Wortlaut: "Der Anblick eines nackten Körpers ist etwas sehr natürliches und schönes, vorausgesetzt, der Körper sieht so aus wie der von Alyssa Milano." Nichts zu danken. Aber halt! Sehe ich Sie da etwa grinsen? Ha! Sie Luder! Genau das hatten Sie als verantwortungsbewußtes Rollenmodell und Vorbild einer zugegebenermaßen nicht besonders viel her machenden Generation sowieso von Anfang an im Sinn, nicht wahr? Na, dann sind wir uns ja sowas von einig... Mit freundlichen Grüßen usw. | |