| So im Vorbeigehen... | |
...wollte ich jetzt eigentlich was Garstiges über das Wort "entblöden" schreiben, aber ich mach's doch nicht, weil das nämlich auf die Dauer irgendwie doof ist, sich ständig über das temporär gehäufte Auftreten bestimmter Worte zu mokieren, die nun wirklich nix dafür können. Statt dessen entschlaue ich mich nicht, in diesem Satz flugs ein selbstgeschöpftes neues Wort einzuflechten, welches fortan ein jeder nach Gutdünken benutzen mag, oder besser auch nicht, es klingt nämlich ganz schön beknackt. Reden wir also über die neuesten Erkenntnisse in der Verhaltensforschung. Tests beweisen, daß es beim deutschen Durchschnittsinsassen mindestens zweierlei zu unterscheidende Verhaltensregister gibt: Das ganz normale Wo-immer-ich-gerade-sonst-bin-Verhalten und das eher spezielle, wenngleich extrem wunderliche, Fußgängerzonen-Verhalten. Fußgänger sind wir ja alle einen großen Teil unseres viel zu kurzen Lebens, in der Wohnung etwa, wo ja nur schwerlich ein Auto reinpaßt. Wirklich relevant wird diese Tatsache aber nur, wenn man sich als Fußgänger in eigens dafür angelegte Zonen begibt. Das offenbar an diesen Orten schlagartig auftretende Reservatsfeeling veranlaßt Leute, die eigentlich nur zufällig per pedes unterwegs sind, sich vom aufrecht gehenden Säugetier anfallartig in einen Passanten zu verwandeln. Ausdrucksformen dieses Syndroms sind der Zwang zu möglichst pittoreskem Betragen, plötzliche Auskunftsfreudigkeit und exorbitantes Absinken der Hemmschwelle. Wenn Menschen plötzlich Dinge tun, die sie bei klarem Verstand, also z.B. beim achten Bier in ihrer Stammkneipe, noch als hirnrissig und entwürdigend empfinden, dann nur innerhalb von Fußgängerzonen. Wie aus heiterem Himmel überkommt sie der Drang, sich im Vorbeigehen, was ja jene Tätigkeit ist, die sie erst zu Passanten macht, unter häßlich in Bronze gehämmerte Reiterstandbilder oder vergleichbare Ausdrucksformen lokaler Tradition und kommunal subventionierten Kunstgewerbes neben Adidas- oder O'Neil-Rucksäcke zu setzen und möglichst malerisch Softdrinks oder Dosenbier zu verkonsumieren, oder sie beantworten bereitwilligst idiotische Fragen von Privatsenderangestellten, die sich aus mir völlig unverständlichen Gründen als Journalisten bezeichnen bzw. lassen sich angesichts der Geldscheine, mit denen jene Privatsenderangestellten rumwedeln, dazu herab, sich den Kopf zu rasieren, die Kleidung abzulegen oder ein Intimpiercing vor laufender Kamera vornehmen zu lassen. Wohlgemerkt ereignen sich solcherlei Petitessen fast ausschließlich innerhalb von Fußgängerzonen und nur höchst selten außerhalb einer solchen, weshalb das Syndrom getrost als gesondertes Verhaltensregister in die Forschungsannalen eingehen mag, worum ich die Forschenden in diesem Lande an dieser Stelle explizit bitten möchte, falls es nicht schon geschehen ist, denn es gibt ja bekanntlich nichts, was so blöd wäre, als daß sich nicht schon jemand nicht entblödet hätte, eine Forschungsarbeit darüber zu verfassen. In diesem Aufwasch könnten sich die Forscher auch gleich mal damit beschäftigen, welche Bedingungen neben der Abwesenheit von Kraftfahrzeugen eine Ansammlung von Architektur erfüllen muß, um zur Fußgängerzone zu werden, soll heißen, ob es eine Rolle spielt, an welchen Dingen und/oder Gebäuden Menschen vorbeigehen, um in ebendiesem Vorbeigehen die typische multimedial dokumentierte Passantentätigkeit aufzunehmen. Da liegt doch wieder ein Forschungspreis in der Luft, oder irre ich mich? Die weiter oben vorkommende Formulierung "Tests beweisen" stammt übrigens nicht von mir, sondern aus der Werbung. Laut jener gibt es offenbar jede Menge geheimnisvoller Tests, die beweisen, welch wundersame Dinge Haarschampoo, Antifaltencreme, Schokoriegel und Diätdrinks zu vollbringen imstande sind. Über die genaue Methodik und das Zustandekommen solcher Tests ist leider nichts Genaues zu erfahren. Gibt es Menschen mit eklatanten Haar-, Haut-, Snack- oder Diätproblemen, die bei der Industrie vorstellig werden und sagen: "Wir haben gar grausige Probleme! Von Euren Wundermitteln erhoffen wir uns Linderung, also testet uns, auf daß der Welt etwas bewiesen werde!"? Oder gibt es von der Reklameindustrie bezahlte Testpersonen-Scouts, die das Land nach Menschen mit fettendem Ansatz, trockenen Spitzen und dringend reduktionsbedürftigen 120% Faltentiefe im Antlitz durchforsten? Und haben diese Scouts es nicht langsam satt, ihre gesamte Arbeitszeit in Fußgängerzonen rumzuhängen und sich mit den Privatsenderjournalisten um die besten Durchschnittsinsassen zu prügeln? Dann doch lieber arbeitslos. Ich könnte mich zu Forschungszwecken in eine nahegelegene Fußgängerzone einsiedeln, neben jenen Leuten, die in Sparkassenschaltervorhallen herumliegen und auch Dosenbier trinken, nicht unbedingt malerisch, sondern einfach nur so, um betrunken zu werden, was dann auch nicht mehr zum eigentlichen Fußgängerzonen-Syndrom gehört, sondern zur Atmosphäre. Tests beweisen, daß die Qualität einer Fußgängerzone zu sechzig Prozent von der Atmosphäre abhängt. Bronzene Standbilder können diesen Wert auf bis zu achtzig Prozent erhöhen! | |